FÜNF VORSCHLÄGE FÜR EIN NEUES JAHRTAUSEND (EGO-FREIE VERSION)

Im März 2014 erschien die Neue Rundschau unter dem Titel »Manifeste für eine Literatur der Zukunft«, für die der Herausgeber, Jan Brandt, Programmatisches und Prognostisches versammelte. Zeitgleich schrieben auf der S.Fischer-Website hundertvierzehn.de Brandt, Annika Reich, Nikola Richter, Clemens Setz, Jörg Albrecht und ich an einem kooperativen Live-Kommentar.

Mir gefiel an diesem Experiment vor allem, wie widerspüchlich der Text wurde, und wie kreiselnd er fortschritt, nach links und rechts ausbrach, vom Abstrakten ins Konkrete und wieder zurück.

Aber weil der Editor, Etherpad Lite, noch erlaubte, die Autoren per Farbcode zu identifizieren, war es eben doch kein kollektives Selbstgespräch, sondern eher ein schlampig formatiertes Drama, in dem man den Wechsel der Stimmen noch viel zu gut nachvollziehen konnte.

Wie anders er sich liest, wenn die Farben wegfallen, kann man hier sehen: Er wird ein großer Selbstzweifel, etwas prophetisch, etwas banal, und immer ein wenig schizophren. Trotzdem: Ganz ohne Ego geht es wohl nicht, hin und wieder ist der Sprecher klar – das Subjekt kriecht immer mal wieder ins Stimmengewirr hinein.

 
Fünf Vorschläge für ein neues Jahrtausend

Italo Calvino: „Übertriebener Ehrgeiz in den Zielsetzungen mag auf vielen Gebieten tadelnswert sein, nicht jedoch in der Literatur. Die Literatur lebt nur, wenn sie sich maßlose Ziele setzt, auch jenseits aller Realisierungsmöglichkeiten.“

1. Ding/Unding

Das Ding entrüstet sich, weil es vom Unding her Witterung aufnimmt. Das Unding ist das Digitale. Der Text, der immer schon Gedanke war, braucht das Ding nicht mehr. Er kann sich im Unding niederlassen, sich darin verschieben und verschwimmen. Weil das Unding keinen Körper hat, kann es so viele Gestalten annehmen, wie ihn auszulesen bereit sind. Der Text, der immer schon Gedanke war, kann, einmal vom Ding befreit, fortwährend transkodiert von Unding zu Unding fließen, ohne je einen finalen Zustand anzunehmen. Doch gerade weil alles im Unding fluktuiert, ist es unmöglich, bei Null anzufangen. Stattdessen ist, und zwar wirklich erst heute, alles frei, wieder und weiter verarbeitet, transkodiert und prozessiert zu werden.

Stimmt. Wenn man einen Hamburger kauft und isst, ist ein Hamburger weniger auf der Welt. Mit einem eBook ist das nicht so. Aber selbst das eBook ist noch nicht die unterste Ebene, sondern nur ein Formangabe, ein Codec, den man in anderen Formaten lesen könnte, als Bild, als Ton, etc. [Das hast du in deiner Arsenalerweiterung ja eindrucksvoll bewiesen, und selbst die ließe sich wieder in andere Formen verwandeln, ähnlich wie ein Text durch Google Translate immer wieder neue Formen annehmen kann, aber nie wieder die alte.] Wieso nennen wir das Unding dann nicht das Ding? Weil es sich immer wieder neu erfindet, weiterschreibt – und das Ding das Unding, weil es die Verneinung des fortwährenden Prozesses wäre? Dann wäre das Digitale das Dingitale. Ding und Unding haben ein einseitiges Verhältnis: Das Ding kann das Unding zum Ding machen, mumifiziert es darin aber. Das Unding hat auf das Ding nur als ein Durchgangskörper Zugriff. Mir gefällt das „Un“ nicht. Es ist eine Negierung. Dabei soll der Begriff etwas Dynamisches ermöglichen. Ich finde Verneinungen nicht dynamisch. Was schlägst du für einen Begriff vor? Mir gefällt die Negation übrigens, die im Deutschen etwas ganz Besonders ist: Der Unmensch ist immer noch Mensch und das Unkraut immer noch Kraut, aber mit einer Extra-Qualität, die das Durchgestrichene weiter stehen lässt. Aber Antimaterie ist keine Materie. (Was wäre denn eigentlich Unmaterie?) Freilich kam es mir beim Unding auch auf die Entrüstung an, die manche befällt, wenn es um das Digitale geht. Warum also nicht diese Entrüstung affirmieren und selbst zum Rüstzeug werden lassen?

Weil allzuoft diese Entrüstung über das Digitale ernst gemeint ist. Und man sie somit – wenn auch nur scheinbar – affirmiert. Ich schlage vor, nicht so sehr in Gegensatzpaaren zu denken. Das Digitale ist eine Ergänzung, eine Erweiterung, des Denkens,des Schreibens, des Lesens. Es ist keine Antithese zum Schonbestehenden. Stimmt, aber doch ist die Möglichkeit des Austausches zwischen beidem nicht unbegrenzt. Es fügt sich in unsere Welt ein. Und gut, es nimmt auch zu. Wobei die Frage wäre, wenn Schreiben eben auch Wegwerfen und Auswählen von Wirklichkeit ist, zu Lasten welcher Sphäre [ich bleibe beim Dualismus, und sei es nur als Denkmittel] dieses Wegwerfen in Zukunft gehen wird. Aber es ist, wie gerade von Tao Lin, dem „Kronprinzen der Onlineliteratur“ bei einem Vortrag in Berlin vorgestellt, bereits Teil der Menschheitsgeschichte. http://www.dazeddigital.com/artsandculture/article/19010/1/tao-lin-predicts-the-future-maybe Ich muss gestehen: Ich verstehe Tao Lins Slides nicht. Und gerade das müssten sie doch leisten: ohne Kommentar auszukommen. (Wieso müssen Slides ohne Kommentar auskommen? Es sind die Slides des Vortrags – es war eine Untermalung. Slides sind doch eine Vereinfachung, natürlich können sie auch illustrieren, begleiten, aber ich verstehe sie ähnlich wie eine Skizze oder eine Landkarte, eine visuelle Wegbeschreibung, die müsste reichen, ohne dass einem noch jemand erklärt, wo es lang geht.) Während das hier nur Kommentar ist. Oder so gesagt: Es ist ein konzeptuelles Schreiben nur mit Konzept, ohne Schreiben. So wie in der conceptual art das Wissen um die Regel wichtiger ist als das Aussehen des Ergebnisses.

Der Raum des Erzählens wird durch das Unding ungeheuer erweitert. Die Ausdehnung vollzieht sich völlig ungeordnet, sie ist unkontrollierbar und entzieht sich der Sinnstiftung. Literatur will aber Ding werden, begrenzt sein, Form annehmen. Vielleicht will das weniger die Literatur als das Lesen. Literatur kann weiterfließen, oder so passieren, wie das hier passiert: Als in Schritte mit Zeitindex Gebrochenes, das beliebig angehalten werden kann – und dann zwar immer noch nicht „fertig“ ist, aber eine momentane Form hat. An jede Geschichte lässt sich eine andere Geschichte andocken, oder anders: Jede Geschichte lässt sich noch einmal ganz anders erzählen, so wie in Queneaus „Stilübungen“. Insofern war Literaur immer schon wandelbar, nicht greifbar, unantastbar, erweiterbar, ein Modul, ein Tool.

Absurd übrigens: Ich fliege hier beim Schreiben ständig raus. Der Server verläßt mich. Wer will nicht, daß ich mir hier äußere? ; ) Das Unding will nicht mal den Gedanken, der doch auch seine Existenz sichert.
Diesen Satz zuvor mußte ich übrigens fünfmal neu beenden. Danke an die Technologie! Aber ich habe mich nicht getraut, den Satz abgebrochen dastehen zu lassen. So viel zu Kohärenz, Kompaktheit und Sinnstiftung. [Siehe meine Diskussion mit Jan Brandt unten!]

Interessant finde ich dieses Element erhöhter Paranoia, die man hier beim Live-Schreiben erfährt. Sie highlightet diese innere Angst des Autors – einerseits ist das hier von mir, andererseits ist es auch für andere, es gehört irgendwie zwei Lagern gleichzeitig, schon in seiner unmittelbaren Entstehung. Bekifft dürfte man das nicht machen. Stimmt, die Öffentlichkeit des Etherpad ist ein ziemlich großes Über-Ich. Aber vielleicht muss man sich da einfach reinfallen lassen – und ist damit ziemlich nah am Leben, wo man ja auch keine private Skizzen machen kann und dann ein lange durchgearbeitetes Fertiges wie aus dem Nichts in die Welt pusten kann. Ich finde, das Etherpad hat sich rasant vom Über-Ich ins Es verwandelt. Ins Unter-Es. Man sieht auch, wessen Gedanken schon schriftlicher rauskommen, und wer öfter und länger mit sich ringen muss, alles wieder löscht und dann noch mal hintippt, beschleunigt und ängstlich, weil die anderen ja sehen, wie man sich abmüht.
Jörg ist bewundernswert „schriftlich“ im spontanen Formulieren. Ich brauch viel länger. Ich bin vor allem grad erst aufgestanden, Zeitverschiebung und so.

Also, gut, ich seh schon, ich schreib hier in Rosa. Und ich in Rot? Ich habe einen Lehrermarker. Ein eingefärbtes Achtung. Und es hat ein Eigenleben, denn es setzt einige Wörter in Nicht-Rot oder in Un-Rot. Wer schreibt hier eigentlich? Wenn nicht ich? Und bei dem Tempo, mache ich mir erstmal einen Kaffee. Bis gleich. Puh! Oder vorher noch eine Frage: Ist das Unding das Virtuelle? Und das Ding das Aktuelle? Nein, das Ding kann nicht das Aktuelle sein. Das Digitale ist das Virtuelle, das sich ständig neu aktualisiert? So in etwa? Jetzt: Kaffee. Ding/Unding und Virtuell/Aktual – unsicher, wie das zusammenhängt, aber vielleicht so: Das Unding ist nicht das Virtuelle, weil im Virtuellen die Simulation des Aktualen im Vordergrund steht – oder besser, nach Aristoteles, das Virtuelle ist hier als das Potenzial gedacht, das noch keine Aktualisierung gefunden hat. Es ist ein Vektor, der von einem schwebenden auf einen festen Punkt zustrebt, unabhängig davon, ob seine Bewegung am Ende auch ein Zeil erreicht. Ah, das mit dem Vektor habe ich unten auch gerade gedacht/geschrieben. Das Unding dagegen hat keine Beziehung zum Ding, es sei denn, das Ding nimmt es sich. Das Digitale kann schließlich ewig weiter digital bleiben, fließen, sich verändern, transkodiert werden und dabei unendlich viele andere undingliche Körper annehmen. Nur, wenn sich das Ding, etwa das Buch, entscheidet, das Unding einer ganz dinglichen Transformation zu unterwerfen – indem es etwa das Unding druckt – gibt es wieder einen Zusammenhang. (Ein Verlag, lese ich gerade, will Wikipedia als Buch herausbringen. Das widerspricht doch vollkommen dem Gedanken von Wikipedia, das soll doch gar kein Ding werden. Aber es geht – und dadurch allein ist es legitim. Das Ding nimmt sich hier dem Unding an und gibt ihm einen endgültigen Körper. Damit ist es aber nicht mehr Unding und kann nur fließen, wenn es selbst wieder digital wird.)
Sonst können beide eigentlich in bequemer gegenseitiger Nichtbeachtung ruhig und unabhängig voneinander existieren. Es mag einen Punkt geben, wie Clemens das im Transhumanen sieht, wo beides in eins fällt, aber das ist bereits eine Art Hegelsche Aufhebung. Bei Akte X gibt es das Schwarze Öl, eine Flüssigkeit mit deren Hilfe Außeridische in menschliche Körper eindringen und kommunizieren, da wird das Unding Ding, es sucht sich einen Körper, eine feste Form, aus der es nach getaner Arbeit wieder entweichen kann. Ja, das wäre so etwas. Denn was hier Körper ist, ist eben nicht wesentlich, es könnte ja immer ein anderer sein. Der Körper ist nur eine beliebige Repräsentation. Im Grunde, merke ich gerade, ist das totaler Hylemorphismus, also Aristoteles‘ Unterscheidung von Form und Materie. Die reine Form, das wäre dann das Unding. Aber das hieße, das reine Form nicht an sich sein kann, sondern immer eine Materie braucht, in der es sich darstellen kann. Und, wenn man drüber nachdenkt, stimmt das auch – das letzte Ding, an dem wir nicht mehr vorbeikönnen, sind wir selbst. Oder solange nicht, wie wir unsere Hirneinhalte noch nicht in die Cloud laden können. Oder wie bei Futurama oder Captain Future, wo die Gehirne losgelöst vom Gesamtkörper weiterexistieren (aber auch Hirne sind noch Dinge. Einen Schritt weitergedacht, müssten es also die reinen Gedanken sein, losgelöst von jeder Materie. Ist das der Stream, von dem Clemens in seinem Text über den transhumanen Leser spricht? Ich denke, als kollektives Bewusstsein. Aber auch der Text selbst funktioniert schon so, als reine Form, deren Materie immer eine andere Sein kann, so wie der Text, den man tausendmal druckt, abschreibt, fotokopiert oder sonstwas, derselbe Text bleibt. Man kann auch sagen: Im Unding ist Platon Wirklichkeit geworden).
Ein Ausleseverfahren wie bei Automotoren wäre ja auch nur begrenzt, es stellt das dar, was zum Zeitpunkt des Auslesens vorhanden war, lebt aber nicht weiter.(Das verstehe ich nicht, mit dem Automotor. Ich beziehe mich damit auf deine Cloud-Idee, dort wären auch nur die Inhalte gespeichert, die zum Zeitpunkt des Abspeicherns vorhanden sind, nichts sonst, nichts, was weiterwachsen würde ohne erneute Aktivität.) Vielleicht ist also das Leben das Unding. Zum Leben fällt mir dieses großartige Experiment, oder eben doch: Werk, von Christian Bök ein. Er entwirft einen Code, nach dem die vier Grundbuchstabe des genetischen Codes in verschiedenen Kombinationen Wörter ergeben. Dann lässt er einen Biochemiker einen Organismus bauen (eine DNS), die nach diesem Code ausgelesen ein Gedicht ergäbe. Hier lebt der Text wirklich. Der Witz ist nun, dass sich in der Fortpflanzung dieses Organismus die DNS-Kette so mit einer zweiten verbindet, dass ein anderes, neues, und eben auch nach menschlicher Sprache sinnvolles Gedicht entsteht. Und durch weitere Fortpflanzung weitere Gedichte, eine unendliche Arsenalerweiterung. Nein, leider funktioniert das nur einmal, oder so gesagt: Natürlich kann man nach diesem Codec alle DNS, die es gibt auslesen, aber nur diese beiden ergeben auch eine nach menschlichen Maßstäbern sinnvolle Sprache. Aber die Idee ist natürlich a), dass dieses Gedicht unendlich alt werden kann, denn wenn sich der Organismus einfach teilt und weiterexistiert, dann kann dieses Mikrobengedicht jeden Atomkrieg überstehen und wäre zum Zeitpunkt ders totalen Wärmetods das letzte Zeugnis von Literatur auf der Welt; und b), dass hier die Metapher von der Sprache Gottes Realität wird – man kann das Leben wirklich lesen. Der Körper als Code. Das ist die DNS, ja. Stefan Reichert sieht sich bestätigt. Und ihm wollte keiner glauben.

Ich beneide Annika, weil sie die Farb-Identität transzendiert hat. HA! Eine multiple Persönlichkeit. Inzwischen sind uns die Farben ausgegangen und einige differente Persönlichkeiten sind sogar identisch. Das ganze Gelb hier. (Kann sich wieder ändern.) Wenn man am Ende alle Farben entfernte, wäre das ein großes Selbstgespräch – oder, wenn man es unendlich öffnen würde (siehe Gruppentrolling), wirklich der Stream. Oder, um hier noch einmal die Ökonomie hereinzubringen, als S.A., societé anonyme. So hielten wir alle Aktien an einem Gemeinsamen. (Die Analogie von Schwarm/der Utopie der kollektiven Produktion und der unsichtbaren Hand des Marktes – ist nicht unvereinbar. Vielleicht liegt darin der Ansatz zu einer Verteidung der Identität. Man braucht noch Gesichter und Namen, um nicht als Produzentenmasse das Spiegelbild der Konsumentenmasse zu bilden. Wie kann man dabei aber Elitarismus entgehen?)

In gewisser Weise lösen sich hier die Identitäten auf, woher wir kommen, wer wir sind: alles unwichtig. Wichtig ist, was wir schreiben, was wir aus Identität und Herkunft machen.

Aber siehst du? Das Live-Element dieser Plattform verleitet sofort zu einer Offenbarung (Kaffee). Das wüssten wir sonst nicht. Übrigens werde ich mir jetzt auch einen Kaffee machen. Solche Informationen hätte man in regulären Texten vielleicht auch mal ganz gern (oder vielleicht auch nicht ). Ja, danke für die Kaffee-Information! Ich möchte eine Verbindung herstellen. Also: Mein Kaffee ist schon kalt. Und ich lese hier, während ihr schon geschrieben habt. Und komme mir zeitversetzt, sekundär vor. Als ob ich die Diskussion verpasst hätte und jetzt auch noch was sagen will. Hallo! Ist noch jemand da außer mir? Ja, noch da. Mit dem Rotstift kann man aber doch besonders gut intervenieren. Das ist ein Zufall, dass ich deine Replik gelesen habe, weil ich gerade nicht mehr in das Dokument gelassen wurde, und wie irre hoch- und runtergescrollt habe, um meinen Cursor hineinzupressen. Ah, jetzt sehe ich mich schreiben. Hier läuft gerade eh einiges verquer. Wir haben uns getroffen! Irre. Man kann damit ein schönes Frage-und-Antwort-Spiel spielen, man kann aber auch wunderbar aneinander vorbeischreiben. Oder man entscheidet sich zur Sabotage. Gleichzeitg Leser und Schreiber zu sein, ist schon eine Herausforderung. Man braucht Geduld. Ich rolle jetzt mal weiter nach unten. Rot muss noch demokratischer werden. Mal sehen, ob ich dich wiederfinde! Bei Rolf Dieter Brinkmann gibt es das ja, dass er schreibt, was für Musik er während des Abfassens des Textes hört, zum Teil ohne irgendeinen Zusammenhang zum Schreiben herzustellen, also nicht dass er Songs auflegt, die seine These stützt, Musik als reines Hintergrundrauschen. [Ich höre keine Musik. Hier fällt Schnee.] Ich hab zwischenzeitlich Talk Talk gehört, „Spirit of Eden“, zu viel Text würde meine Gedanken infiltrieren, und dann würde ich, womöglich unbewusst, doch etwas von dem, was in den Songs vorkommt, in den Text einfließen lassen. Ernst Jandl hörte Jazz und nahm seinen Lyrik-Bebop dazu auf – später transkribierte er. Dann würde ich vorschlagen, wir hören jetzt alle mal Musik und schauen, was dabei herauskommt. Heavy Metal?

Das Live-Element führt vor allem zu einem Anwachsen der Geschichten. Dieser Text ist eine Wucherung. Potenziell unendlich. Da es inzwischen schon wieder recht anonym geworden ist, frage ich mich, ob bisher schon jemand Texte anderer gelöscht hat. Oder ob da noch Hemmungen bestehen. Nein ist schon geschehen, siehe weiter unten. Ein Sprießen der Feedback-Schleifen – ihr seht mich zweifeln, wie man ein Wort schreibt, wodurch ich noch mehr zweifle, und so weiter…

Während er so vor sich hin braut, der offenbarte Kaffee, muss ich an Patti Smiths Offenbarung, nein, ihren song des Evangeliums des amerikanischen Zahnarzts denken: sucht keine Wurzel, folgt dem Kanal.
Mir ist noch nie aufgefallen, dass mir die fehlenden Kommas immer erst danach auffallen. Siehe Jans Talk Talk hier drüber. (Merkt Ihr, dass wir langsam Querverweise setzen? Weil das zwar ein Raum ist, aber als Zeitlinie eben nur nachträglich zu erkennen ist? Ich wünsche mir: Hyperlinks, die durch die Zeit reisen können.) Lauter kleine Stromanschlüsse. Das ist aber auch eine Form der Vernetzung von Textebenen, das überlagert sich zum Teil, bildet Querverbindungen, gedankliche und zeitliche. Das Untereinander hier ist nur eine scheinbare Ordnung, eine Illusion.Ich finde auch, das Flächige stört, weil es überhaupt nicht das wiederspiegelt, was es bedeutet, so ineinander zu schreiben. 3D-Literatur. Und in was für einem Affenzahn! Der Text überschreitet die Fläche auf ein Außen hin, das gleichzeitig und inkommensurabel ist. Dann also eher 4D-Literatur. „Rauschfähigkeit ist wie Chaoskompetenz ein gekonntes Scheitern“ – so ist das hier. Ist das ein Zitat? Ja, ich suche gerade, ah, hier hab ich’s: Dietmar Kamper. Als Scheitern würde ich das hier aber nicht verstehen, es ist eher eine Form kollaborativen Schreibens, dass das manchmal anstrengend und fordernd, vielleicht sogar überfordernd ist, liegt in der Natur der Sache. Ach, so: nein, gar nicht so ein Scheitern. Eher ein affirmatives Danebengehen. Eine gewollte Vermeidung von Bewältigung dieses Raums als Ganzes, was man bei einer flächigeren Denkform ja anstreben würde. Das Offene annehmen. Das Offene kann Raum sein oder Zeit, mit Vektoren in alle Richtungen. Umzug ins Offene. Interessant wirds, wenn man im Offenen auf Anderes stößt. Wie im CERN. Da fliegen dann die Funken. Hier fliegen auch die Funken (mein ich ja). Es würden natürlich noch mehr Funken fliegen, wenn wir das hier nach außen hin öffnen würden, wie beim hyperlinken Gruppen-Trolling, wenn sich potenziell alle Leser an dieser Diskussion beteiligen könnten und nicht unser kleiner Kreis.
Dazu fällt mir ein: Twitch plays Pokemon (http://www.twitch.tv/twitchplayspokemon) – hier ist vielleicht das absolute Gruppentrollen (allerdings ohne viel Inhalt), aber die Idee ist, dass ein Spiel, das eigentlich für einen einzelnen Spieler gemacht ist, von einer potentiell unendlichen Zahl von Online-Spielern gesteuert wird. Das kann zum totalen Chaos führen, oder, wenn es eine Art Abstimmung gibt, zur zielgerichteten, totaldemokratischen Aktion (im Rahmen eines Nintento-Spiels, wohlgemerkt, aber das Experiment ist faszinierend – es gibt plötzliche Umstürze von Demokratie zu Anarchie [im griechischen Sinn] und zurück).

Warum schreibe ich jetzt als gelbes Du? Ich habe Dich gekapert. Ich will mein Rosa zurück! Oder ist das jetzt prä-Etherpadsches Besitzdenken? Verstehe ich auch nicht. Womöglich wurden wir gekapert. Womöglich sollten wir uns aber auch von Autorschaft verabschieden. Ja, ich glaube darum geht es. Wir sind gerade gemeinsam gestorben. Schön eigentlich. Und weil ich ja jetzt nicht mehr zurückzuverfolgen bin, erzähle ich Dir gleich noch was zum Thema Tod: Mein Sohn hat gestern getöpfert. Und als ich ihn fragte, was er da getöpfert hat, sagte er, den Sarkophag von Mr. Bean.
Ich hatte vorgestern einen Traum, der in eine ähnliche Richtung geht:
Ich bin in einem Haus, ich weiß nicht, in welchem. Eins der Zimmer ist voller Kinder, Jungen und Mädchen, etwa zehn Jahre alt. Sie basteln mit Papier und Schere. Eins der Kinder überreicht mir eine Kiste und bittet mich, sie öffnen.
Für deine Asche, sagt das Kind.
In der Kiste steht geschrieben: In allen vier Ecken soll Tod drin stecken.

Ich kann dich jetzt sogar lösch
Ich kann dich auch lö LIKE
Nicht zu fassen, ich hab das mit dem Löschen nur geschrieben, weil ich mich rosa unverwundbar hielt.
Mein Sohn kommt gestern aus seinem Zimmer, nachdem ich ihn bat, sich was für Fasching auszudenken. Er hat sich Kleiderbügel angeklebt und sagt: Ich geh als leerer T-Shirt-Laden. Der hats verstanden!

Wir sollten als leeres E-Book zur Buchmesse fahren. LIKE

Sind wir jetzt allein? Wir sind nie allein.
Was mich an der Ding/Unding-Geschichte vollkommen überzeugt, ist, dass das Digitale unterschiedliche Körper annimmt.

So ein Etherpad ist schon arg demokratisch.
„Clear Authorship Colors“ gibt’s auch, als Knöpfchen oben. Könnte auch der Titel eines Manifests sein oder so. Ich möchte hier so richtig liken. WARUM KANN ICH NICHTS LIKEN!!! Weil das hier nicht Facebook ist. Ging mir auch schon so. Und beim Emailschreiben vorhin habe ich gewartet, dass mir jemand weiter unten widerspricht.

Hallo ist da jemand? Irre, es hallt, wenn ich hier alleine vor mich hin schreibe. Und die Versuchung ist natürlich sehr groß, jetzt laut zu singen. Das wäre dann ein stehendes Echo. Wer ist eigentlich noch hier? (Ich anonymisiere das mal.)
Ja. Bin noch da. Das ist sehr spannend zu sehen, schade, dass ich leider etwas spät dazukomme. Wer zu spät kommt, hat mehr Überblick. Die Sprache kommt ja auch immer zu spät. Im Moment kommt sie mir aber sehr gegenwärtig vor. Dennoch hinkt sie dem Gedanken immer hinterher. Das ist aus der Negativität gedacht aber nicht negativ gemeint. Negativ ist eine formale Qualität und muss nichts Schlechtes sein. Überhaupt ist das Negative im richtigen Kontext positiv. Das ist Dialektik.

2. Geschichten austricksen

Jede Geschichte kämpft, indem sie erzählt wird, gegen die eigene Unmöglichkeit, sie kämpft dagegen, daß zu allem, was in ihr vorkommt, noch Abermillionen Querverbindungen existieren, andere Geschichten anderer Menschen, die ins Zentrum der Geschichte schießen könnten, um ihre Souveränität zu zerstören, das, worum der dadurch beschämte Autor so bemüht war. Es ist die Ideologie der Geschichten, die dich anschaut wie ein Unternehmensberater, der sich schon in Stimmlage und Atemrhythmus an dich angeglichen hat, damit du seinen Rat annimmst, und der dir sagt: Du brauchst unbedingt EINE Geschichte.
Ein Hoch auf die Abschweifung, auf das Vom-Hundertsten-ins-Tausendste-Kommen, die assoziative Verknüpfung. Aber: Ist das Internet nicht genau das? Jeder Link verlangt die gleiche Aufmerksamkeit, jede Nachricht hat die gleiche Bedeutung, wodurch sie entwertet wird, sich ihrer Bedeutung entledigt. Verlangt nicht Literatur nach einer radikalen Verknappung? Ist es nicht das, was zum Beispiel Lyrik auszeichnet, die maximale Verdichtung?
Please check out the website poetbot, http://botpoet.com/, lyrische Verknappung können auch Lyrikbots herstellen & gar nicht mal so schlecht. Da verknappt dann eben ein Algorhythmus. Die transhumanen Schreiber sind schon da! Gibt’s eigentlich einen deutschsprachigen Cleverbot? Ich unterhalt mich mit dem so gern. Er weiß immer so viel über Angst und Selbstmord und Liebeskummer. Ich unterhalte mich manchmal mit dem IKEA-Bot. Ich möchte gern ein Buch machen, wo ich deutschsprachige Sprach-Bots interviewe. Aber da scheint’s nicht so viele zu geben. Siri ist bisschen beschränkt, leider. Lief „Her“ eigentlich schon in Deutschland? Ich seh gerade, startet erst im März – Liebesbeziehung zu einer Art unbeschränkter Siri, etc. Ich hab „Her“ schon gesehen. War bisschen kitschig, gegen Ende, aber doch ganz hübsch, vor allem am Anfang. Ja, etwas kitschig, aber die interessanteste Szene war doch, wo sie plötzlich die Anzahl ihre Beziehungen offenbart. Totalpolyamourie. Wenn die Beschränkung der Anzahl von Beziehungen für Computer nicht gelten, gibt es dagegen nichts einzuwenden. Ist das schon ein Schritt in den Stream? Ja, glaub ich schon. Der Picknick-Tag war auch gut gemacht, wo Samantha ihnen sagt, dass sie immerhin nicht altern und sterben wird. Und die Szene, wo er nachts mit der zufällig (chatroulette-mäßig zugeteilten) einsamen Frau Telefonsex hat – „strangle me with the dead cat next to the bed!“ Jetzt chatten wir hier nur, oder? Klingt wahrscheinlich irgendwann wie ein Gedicht von John Ashbery. Schnell noch ein paar Begriffe wie Delphinium, Stroh und Mausefalle rein, dann wird’s Poesie. Pinguine. Die Pinguine dürfen nicht fehlen. Warum hat Douglas Adams die nicht gerettet, sondern nur die Delphine? Übrigens gibt es in der Neuen Rundschau-Ausgabe zur Zukunft erstaunlich viele Tiere. Das ist der reinste Zoo in den Texten. Frage mich, was das über den Zustand der Autoren aussagt. Das ist nicht bloß postsingulär, sondern posthuman. Oder Flucht in die Kuschligkeit. Kuschelig
ist das nicht. Die Tiere erfüllen in den Texten eine jeweils andere Funktion. Manchmal sind sie auch nur eine Metapher.

Und was die EINE Geschichte angeht: „Schreiben heißt auswählen“, hat Camus mal ausgewählt und geschrieben (oder anders: Schreiben heißt wegwerfen, im Grunde ist ja schon alles, was sein kann, bereits in der Welt und die Aufgabe bestünde darin, das Nichtrelevante zu löschen, eine Art selektive Weißung, eine große Tipp-Ex-Flasche [freilich auch eine sehr überholte Metapher] aufzumachen und über die Welt zu gießen). Das hast du ja bei deiner Umwandlung/Neucodierung der Texte aus der Neuen Rundschau vorgeführt. Ein ähnliches Prinzip ist Jonathan Safran Foers „Tree of Codes“, wo er Bruno Schulz‘ „Zimtläden“ nimmt und Zeilen rausschneidet und so das Verbliebene in einen neuen Sinnzusammenhang stellt. Das ist die superanaloge Entsprechung zum digitalen Löschen. Ja, und das ist ein gutes Beispiel dafür, wie analoge und digitale Techniken ähnlich sein können – aber eben nicht identisch. Denn das Rausschneiden ist ein physischer Akt, einer mit Spuren, einer mit Dreck und Knistern und Fehlermachen, der so nicht digital zu reproduzieren ist. Das im Digitalen zu tun, ist, weil es letztlich nichts anderes als zu denken, doch bei aller Ähnlichkeit fundamental anders. Im Unding bleibt immer alles Halbzzeug, während im Ding Zeug draus wird und damit Schluss, aus, Ende.

Bei aller Liebe für den Manischen Realismus: Es gibt, glaube ich, ein Bedürfnis nach der einen sinnstiftenden Geschichte, als Gegenmodell zur Komplexität und Unübersichtlichkeit des Lebens. In diesem Zusammenhang ist Schreiben und Lesen Weltflucht, Flucht in eine andere Ordnung und Kompaktheit, in eine Leichtigkeit und Schwerelosgkeit.

Ist aber für mich nicht so wenn ich GESCHICHTEN lese. Das ist eine Weltflucht, ja, aber nicht in eine Leichtigkeit hinein, sondern es ist ja immer so unglaublich schwer: bedeutungsschwer, schwer, sich überhaupt mit den Gefühlen und Gedanken zu korrelieren, weil da ja NUR eine Figur agiert, schwer auszuhalten, daß irgendjemand mir das tatsächlich als wichtig verkaufen will. Allein dadurch, dass etwas ‚Geschichte‘ ist – oder besser: factum, Gemachtes ist -, bekommt es automatisch den Index ‚Relevanz‘, was ja schon eine ziemliche Schwere ist. Das ist, meine ich, auch immer das Problem bei aller experimeller Literatur, die das Sinn-Kriterium auslagern möchte (in den Zufall, in die Technik, in die Regel), aber allein durch den Akt, der alles einmal öffentlich macht, eine Sinnfindungsanweisung enthält. Die Abwesenheit dieses sinnstiftenden Aktes ist vielleich nur dann zu erreichenn, wenn man etwas Nichtgemachtes liest – die Sterne, den Sand. Hier ist Sinn nur auf meiner Seite, es sei denn, ich bin Deist. Das Leichte und Schwerelose kommt für mich, wenn ich etwas skizziert bekomme, wenn ich die Umrisse von etwas sehe, nicht die brav Malen-nach-Zahlen-mäßig ausgemalten Bilder. Wenn ich weiß, daß da noch so viel mehr ist als das, was gesagt wird. Natürlich gibt es das Bedürfnis nach einer sinnstiftenden Geschichte. Aber es gibt ja auch das Bedürfnis danach, Dinge zu kaufen, die man nicht braucht. Das Bedürfnis danach, Menschen, die nicht meiner Gendernorm entsprechen, zusammenzuschlagen. Das Bedürfnis danach, Hartz IV-Schmarotzer in ihre Schranken zu weisen. Die Frage ist doch immer: Woher kommen die Bedürfnisse? Und diese Frage zu beantworten könnte vielleicht wieder Geschichten ergeben, die sich nicht in Kompaktheit erschöpfen.

Es gibt multiple Bedürfnisse, auch das nach multiplen Geschichten. Und manchmal wünsche ich mir noch mehr als die, die mir vom Autor angeboten werden. Wie zum Beispiel bei Bolaño, 2666. Warum breitet er in der Mitte all diese Morde aus, fast mit pathologischem Eifer. Weil er den toten Frauen ihre Geschichte, ihre Würde zurückgibt. Ich bin mir nicht sicher, ob pathologisch beschriebene Morde Frauen ihre Würde zurückgeben. Ich bezweifle es sogar. Ich auch: die aufgebahrte Geliebte. Er seziert sie, um sie wiederauferstehen zu lassen. Im Grunde hätte er alle Morde aufschreiben müssen. Aber dazu hätte er selbst mehr als ein Leben haben müssen. Und dann wäre es keine Verknappung mehr.

Also willst du nun mehr Geschichten von Bolaño? Oder weniger? Mehr natürlich. Immer mehr Geschichten. Auch wenn ich das Bedürfnis nach der einen Geschichte anerkennen kann, will ich es doch nicht teilen. Gerade bei Bolaño ist es ja so, daß die Geschichte des großen Ganzen sich aus den vielen ergibt. Das halte ich für einen zeitgemäßen Realismus. Daß man sich das auch zusammenpuzzeln muß. Daß da alles mögliche drin ist. Und daß es mir dadurch unendlich lebendiger vorkommt – selbst in der Beschreibung der toten, vergewaltigten Frauen – als jede kleine Story, die nur ein einziges Bewußtsein zeigen will, dabei aber nur ausgedacht wirkt. Dann denke ich immer nur, wie mir da eine Figur erzählt werden soll. Und die glaube ich nie. Bei Bolaño sind alle für mich einfach da. Und dadurch kann ich auch einfach da sein. Ich muß nicht die ganze Zeit angestrengt aufpassen, sondern Zeit mit den Geschichten verbringen.

Die Idee, die Bolaño in „2666“ verfolgt, nämlich eine Geschichte durch mehrere Begleitgeschichten zu erzählen, ist natürlich auch nicht neu. Das ist ja schon in der progressiven Universalpoesie der Frühromantiker angelegt oder in Novalis‘ Wunsch nach einem totalen Roman, den er selbst nicht geschrieben hat, nicht schreiben konnte. Oder in Balzacs „La Comédie humaine“, die er nicht vollenden konnte. Ein totaler Roman lässt sich eben auch nicht vollenden, weil er potenziell unendlich ist. Diesem Ideal könnte man sich höchstens annähern. Am besten, man schriebe ihn im Schwarm.

3. Literatur als Aktivität

Mich erinnert die Diskussion über die Zukunft der Literatur an eine Debatte, die bis vor einiger Zeit in der Genetik über das Gen geführt wurde. Lange Zeit wurde das Gen als Ort begriffen, und es wurde stoisch an diesem Konzept festgehalten, bis man nicht mehr weiterkam. Erst als man das Gen nicht mehr nur als Ort, sondern auch als Aktivität verstand, ging die Forschung voran. Parallel dazu gilt es nun, der Literatur nicht mehr einen Ort zwischen zwei Pappdeckeln zuzuordnen. Man muss die Bestimmung der Literatur stattdessen emanzipiert von ihrer Lokalität als Aktivität begreifen. Aber sie war doch immer schon Aktivität, nur bisher noch keine sichtbare, so wie es hier der Fall ist. Aber Literatur als Engagement, als Feld, als große Bewegung, das war doch nie anders. Neu sind dabei lediglich die Möglichkeiten der Intervention. Ich suche hier nach dem nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ Neuen. Und das ist für mich nicht die Notwendigkeit, dass ein Autor sein eigener Marketingmanager sein muss, dass das Netzwerken, das zwar immer auch schon Teil des Literatursbetriebs war, nun Teil der Literatur sein soll.

Aktivität ist hier nicht nur sichtbar, aus der Aktivität entsteht eine Gruppendynamik, die mehr als nur ein Gespräch ist, weil Vorformuliertes sofort eingesetzt werden kann, weil wir in dieser aktiven Literatur uns total einbringen können. Ganz unabhängig vom Marketing, vom Netzwerken, als Schreibtechnik. Wenn damit die Möglichkeit der ubiquitären Beteiligung gemeint ist, so wie das mal am Anfang des Internets freudig postuliert wurde, dass nun die Pnyx oder die Agora quasi für alle immer zugänglich sei, statt auf vorgefertigte Verlautbarungskanäle angewiesen zu sein – dann habe ich da Zweifel, die natürlich mit dem Unterschied von Potential und Aktualität zu tun haben. Es kann zwar jeder schreiben, aber erstens tut es nicht jeder, weil viele durch strukturelle und technische Hürden davon entmutigt werden. Und dann bedeutet eine Gleichheit der Sprechmöglichkeit noch keine Gleichheit der Rezeption. Das ist vielleicht etwas anderes, als was Du gerade meintest. Aber ich höre, auch in den Manifesten, diese Hoffnung immer noch heraus. Deshalb geht es mir eher um die Basis des Ganzen, das Digitale als eigene Möglichkeit, fließend zu sein. Dazu passt natürlich gut: Bei Literatur als Aktivität muss ich an die Kabbalisten denken, die von beweglichen Buchstaben sprechen. Oder noch weiter zurück: an Lukrez. Für den Buchstaben Atome in permanenter Bewegung waren. Die Unbeweglichkeit der Wörter ist aber das, was Schriftkultur jahrhundertlang ausgemacht hat, sie waren buchstäblich in Stein gemeißelt. Es gab die Palimpseste, aber das Überschreiben ähnelt den Ebenen, den oben beschriebenen Codierungsverfahren, unter den Zeichen sind andere Zeichen verborgen. Erst mit dem Digitalen sind die Zeichen vollkommen in Bewegung geraten, so wie hier, so wie jetzt, während ich dies schreibe, während ihr dies lest. Ich kann alles wieder zurücknehmen und löschen. Nichts bleibt. Jeder Text kann verändert werden, oft ohne dass es auffällt. Das Digitale hat die Beweglichkeit der Zeichen sichtbar
gemacht. Denn auch ohne das Überschreiben ist ein gesetzter Text niemals für jeden Leser der gleiche. Ein Text vervollständigt sich (scheinbar) im Bewusstsein des Lesenden, und dieses Bewusstsein ist ein nicht wiederholbares. Daher ist jede Leseerfahrung – in die ja ein Text eingeht, sonst ist er kein Text; ungelesen wäre er ein Muster aus Zeichen und Formen – eine nicht wiederholbare. Und daher ist es ziemlich unwichtig, ob der Text gedruckt wird oder digital veröffentlicht, ob er ein Facebook-Kommentar ist oder ein Etherpad. Wenn er seine Leser findet, ist er ein wahrgenommener und dann vielleicht gespeicherter, geteilter, erlebter, weitergetragener Text. Das heißt: Der Text ist aktiv.
Hier stimmt jetzt zufälligerweise sogar der Anschluss.
Was mir daran gefällt. ist die Art der Bezugnahme, sie findet nicht über Repräsentation statt, sondern nur über Resonanzen, und das ist genau diese Beweglichkeit des Digitalen, die dem Schreiben ja sehr nah ist.
PS: Immer wenn ich was korrigiere, habe ich das Gefühl zu betrügen. So als wäre der erste Wurf meiner.

Ich dachte bei Literatur als Aktivität gar nicht daran, daß die Wörter sich hier aufbauen und auslöschen können. Ich dachte daran, was sie im Bewußtsein ist. Da ist sie immer Aktivität, egal ob die Buchstaben laufen [also von selbst, hier] oder von uns zum Laufen gebracht werden. Deshalb muß es irgendwie auch darum gehen, was geschrieben wird, und nicht nur, daß man schreiben und löschen und neu schreiben kann. Oder, anders gesagt: Ich mag es auch, wenn man sieht, was geschrieben wurde, was gelöscht wurde und was neu geschrieben wird. Wenn alles die ganze Zeit in Bewegung ist, sieht man eben den Prozeß, aber der Prozeß wird vielleicht zum [einzigen] Ergebnis. Quasi das nunc stans als nunc aeternitatis bei Duns. Wieder sowas Theologisches; aber ins Atheistische, Literarische gewendet.

Zu „Literatur als Aktivität“ fällt mir eine Geschichte ein. Sie ist aus dem Buch „A Man without Words“ von Susan Schaller. Darin geht es um einen taubstummen Mann namens Ildefonso, der ohne Sprache aufwuchs. Niemand brachte ihm Gebärdensprache oder sonst irgendetwas Sprachähnliches bei. Als erwachsener Mann kam er in Susan Schallers Gebärdensprachklasse und verstand lange überhaupt nicht, was das Ganze soll. Er imitierte einfach nur die Zeichen, die man ihm vormachte. In seiner Freizeit traf er sich mit ebenfalls taubstummen und sprachlosen Männern in einem Café und spielte Geschichten pantomimisch durch. Nach einer gewissen Zeit in Schallers Unterrichtsklasse hatte er einen Durchbruch und verstand, dass ein Zeichen für ein Ding in der Wirklichkeit stand. Sein erstes Wort war: Katze. Danach erlernte er die Gebärdensprache bis zu einem gewissen Grad, obwohl nie so weit wie Menschen, die sie schon von Kindheit an lernen. Er begann, Susan Schaller zu erzählen, woher er kam usw. Einmal begleitete sie ihn in das Café, wo seine Freunde – und auch sein Bruder, der ebenfalls taubstumm und sprachlos war – ihr Pantomimenspiel betrieben. Ildefonso sagte zu Schaller, dass er sehr traurig sei, da er den Geschichten nicht mehr folgen könne. Früher sei es ganz leicht gewesen, aber heute gehe es ihm zu langsam, er falle ständig aus der Story heraus, die einer der sprachlosen Männer vorspielte.
Der Fluss der pantomimischen Geschichten wurde unbetretbar durch das „höhere“ Konzept einer Sprache, die zu abstrakten Begriffen fähig war. (Das ist allerdings eine Form des sprachlichen Fauvismus, eine Romantisierung des vermeintlich Ursprünglichen, Vorbegrifflichen – wie Herder meint, im Hebräischen, als der menschenältesten Sprache, könne man noch den Atem Gottes hören). Möglicherweise kann man diesen Schritt auch weiterdenken – vielleicht wird die erzählerische Sprache der Literatur, dieses „Vor ein paar Jahren ist mir was Merkwürdiges passiert, das muss ich dir unbedingt erzählen, also, es war damals, als ich gerade damit begonnen habe…“ (in das wir heute noch völlig selbstverständlich eintauchen, so wie Ildefonso vor seinem Leben-mit-Sprache in den Pantomimen-Stream eintauchte) irgendwann unverständlich, wenn wir eine intuitivere Kommunikation entdecken, ein nicht-lineares Zusammenbauen und Verbinden von Story-Elementen. Wie das aussehen könnte, weiß ich natürlich nicht. Wenn ich’s mir vorstellen könnte, wäre ich vermutlich nicht mal mehr imstande, hier mit euch zu schreiben.

Ich glaube, die Negation des Digitalen hat damit zu tun, dass die „Analogen“ (wie soll ich die nennen?), vielleicht besser entpersonalisiert: also: dass das analoge Denken davon ausgeht, dass man dem Digitalen zustimmen muss, dabei ist das überhaupt keine gültige bzw. sinnvolle Bezugnahme darauf. Es kann hier nur um Anerkennung gehen, also um eine Haltung, die jeder Zustimmung bzw. Verneinung vorausgeht. Das liegt daran, dass das Digitale immer noch mit seinen Oberflächenphänomenen kurzgeschlossen wird. Und dass man die negieren kann, ist klar. Mit Oberflächenphänomenen meinst du Ebook, Twitter, Facebook etc?JA. Meine Rede. Ja, das war Dein Impuls, der bei mir so viel gezündet hat. DANKE! Ich verstehe nicht, was an Ebooks, Twitter und Facebook Oberflächenphänomene sein sollen? Ich verstehe die digitalen Veröffentlichungs- und Schreibwege als Zusatz, nicht als Oberfläche, die sich auf die Tiefe (das Buch???) legt. Da wären wir dann nämlich wieder in der Binärfalle.

Die Unterscheidung ist nicht Ebook/Twitter/Facebook gleich flach und oberflächlich; gedrucktes Buch gleich tief. Mit Oberflächenphänomen meine ich nur, dass das Schreiben in diesen Formaten nicht anders ist als das analoge Schreiben, die Kulturtechnik ist die gleiche. Das digitale Schreiben aber ist ein anderes. Also: digitales Schreiben ist anders oder nicht anders? Mit digitalem Schreiben könnte zum Beispiel die Codierung und Decodierung gemeint sein, von der oben die Rede ist. Das heißt: das Schreiben mit ganz anderen Zeichen, in einer ganz anderen, eben digitalen Sprache, mit anderen Zielsetzungen, anderer Rezeption, anderem Verständnis.
Ja, ich verstehe, das wären dann die Leute wie Darius Kazemi, der Twitterbots programmiert (schreibt), die aus vorhandenem Text neue Textstücke zusammenbauen. Was machen wir dann aber mit der Literatur – nicht dem Code – die im Netz entsteht? Die im Schreibvorgang kommentiert wird, die sich dem Stream einfügt, also dem „klassischen“ Schreiben auf dem Bildschirm – aber in sozialen Zusammenhängen. Tippen mit dem unsichtbaren Leser nebenan. Das ist die große Frage. Das soziale Schreiben jedenfalls hat schon jetzt Einfluss auf die Literatur, wie wir an diesem Etherpad sehen können, die digitale bleibt davon unberührt. Mit digitalem Schreiben könnte aber auch soziales Schreiben im Denkmodus des Digitalen gemeint sein. Wie meinst du das? „soziales Schreiben im Denkmodus des Digitalen“? Ich verstehe das Digitale als etwas, dass sich grundsätzlich nicht abschließen lässt, ohne Ursprung auskommt, aber auch ohne Subjektivität und Objektivität, ein Vektor, der ins Offene zielt und entpersonalisiert ist. Schreiben ereignet sich sowieso in dieser Form, aber die Darreichungsform hat oft nichts Ereignishaftes mehr. (Ich schreibe mich gerade um Kopf und Kragen. Ob Wein hilft? Clemens meinte oben: bloß nicht kiffen! Aber Wein? Vielleicht koche ich jetzt erstmal was.)

Ich frage mich auch, ob im Digitalen Modi des Begründens noch relevant sind, oder es dann immer mehr ums Behaupten geht. Und das meine ich nicht negativ, sondern eher vektorial vielleicht. Interessant – so rein sprachtheoretisch haben Aussagen Geltungsansprüche, sogar literarische. Kann man die abschaffen, oder kann man sich einen Text vorstellen, der keine macht? Oder nur eine andere Art von Geltungsansprüchen? Z.B.: Ich lasse einen bot/einen Automaten etwas schreiben – ist das Geschriebene eine Behauptung? Von Begründung jedenfalls ist da keine Rede mehr. Aber sobald ein Text literarisch verstanden wird, ist er eine Reihe von Behauptungen (oder nicht?). Das sind natürlich nur andere Geltungsansprüche. In dem digitalen Denkraum geht es mehr um Entscheidungen als um Diskussion, auch wenn er viel dialogischer ist, aber er ist nicht so vermittelnd. Das merke ich hier gerade ganz deutlich: das Wagnis der Behauptungen im offenen Raum. Mit mir selbst diskutiere ich mehr. Lahmer. Ich bin schon jetzt vollkommen hin und weg vom Etherpad.
Dies Ding oder Unding hier bläst mir das Hirn weg. Schreiben und Lesen gleichzeitig. Ständig wächst und schrumpft irgendwo irgendwas. Und jetzt kommen auch noch tatsächlich Links dazu, weitere Texte, Beweise, Material, das übersteigt zum Teil mein Rezeptionsvermögen. Mind the gap. The Doors of Perception are closing. Hier bleiben! Wo seid Ihr? Das war nur bildlich gesprochen.

4. Gruppen-Trolling

Hyperlinke Trolle handeln stets im Sinne der Gruppe, für die sie kämpfen, und sie leisten Lobbyarbeit für hyperlinkes Gedankengut. Sie schreiben obsessiv über ein Thema, überall, wo sie können, auch wenn sie nicht dafür bezahlt werden. Sie sind provokant. Worte sind ihre Waffen. Sie reagieren impulsiv, sind nicht am Markt, sondern an Menschen orientiert. Daher ist eines der Grundgebote der hyperlinken Trolle das Teilen: So bauen sich diese Einzeltäter textuelle Kooperativen auf, welche unabhängig und selbstständig Inhalte weitertrollen. Solidarität unter Trolls ist ein Muss, Gruppen-Trolling ist die revolutionäre Taktik.

Zum Begriff der Impulsivität beim Gruppen-Trolling: Italo Calvino hat in seinen „Sechs Vorschlägen für das nächste Jahrtausend“ Schnelligkeit als einen bewahrenswerten Wert benannt. Literatur in Buchform ist gewissermaßen konservierte Zeit, ein Ruhepol. Digitale Literatur ist wie wir anhand dieses gruppendynamischen Schreibverfahrens sehen, das Gegenteil; an verschiedenen Stellen, in verschiedenen Farben wächst der Text an, sodass man beim Lesen das Gefühl hat, kaum hinterherzukommen, die Zeilen springen hin und her, auf und ab. Der eigene Text wird sofort durch andere Texte, eure Texte, erweitert. Und um diese Gedanken jetzt weiterzutrollen, poste ich jetzt den Link zum Dokument in meinen Kanälen, http. Und ich wollte euch alle auf Twitter taggen, aber ich konnte euch nicht finden. Dafür habe ich einen anderen Jörg Albrecht gefunden. Er wird wohl öfter mit Jörg Albrechts verwechselt, es gibt einige da draußen. Ihr könntet gemeinsam gruppen-trollen. Und es würde keiner merken. Mein Twitteraccount ist: ReichAnnika. Ah, dann tagge ich dich jetzt :). Bin nicht bei Twitter und nicht mehr auf Facebook.

Facebook ist Satan. Das muß ich hier jetzt einfach mal aus dem Zusammenhang gerissen sagen, um es in den Zusammenhang hineinzuzwängen. Wobei wir im weitesten Sinn vielleicht wieder bei der Diskussion von Ding und Unding sind, wenn ein Buch in digitaler Form das Gesicht ersetzen kann. Das Gesicht ist ja klassischerweise immer Projektionsfläche. Siehe dazu auch mal wieder Deleuze/Guattari, das Kapitel in Mille Plateaux zum Gesicht. Wobei, eigentlich redet ja niemand mehr über das Gesicht. Das Face als Gesicht des 21. Jahrhunderts. Ist aber dieses Face eben das durch und durch Individualisierte, also auch Ökonomisierte? Oder ist es sogar etwas Kollektives, an dem alle teilhaben, und damit dann doch – trotz Zuckerbergs Fresse – irgendwie etwas, das dem Jahrtausend, in dem wir uns jetzt befinden, würdig wäre? Zumindest wenn man immer noch annimmt, daß das Fortschreiten der Jahrhunderte Fortschritt bedeuten muß. Was selbst die Historiker nicht mehr unterschreiben würden, die sich dem Fortschritt verschrieben haben. Wenn Du mit Fortschritt Entropie meinst, würden Dir sogar Physiker recht geben. Aber auf Entropie gesehen ist Literatur immer ein Ankämpfen gegen das Chaos, auch wenn es sich scheinbar seiner Pflege verschrieben hat. Ordnung nimmt ab. Auch die von Gesichtern und Identitäten.

Gruppen-Trolling ist auch eine Spielart des totalen Erzählens. Denn die Trolls fügen einem Text immer einen anderen hinzu, im Extremfall einen dem ursprünglichen Text vollkommen entgegengesetzten. Sie zerstören die Ideologie der EINEN Geschichte, indem sie die EINE um ihre ergänzen. Das, was Rery Maldonado und ich unter Gruppen-Trolling verstehen, ist eine literarisch-politische Interventionstaktik im Netz. Sie nutzt die Technik des Trollens, aber als produktive und konstruktive Technik. In unserem Essay grenzen wir uns vom zerstörerischen Trolling ab.Ich hab mir schon gedacht, dass den destruktiven Begriff „zerstören“ ebenso ablehnst wie „Unding“. Die Technik des Trollens hat diese zwei Seiten: notwendige Ergänzung, Intervention; und Zerstörung durch Ausweitung. Wir haben den Begriff einfach umgewertet. Das ist doch theoretisch möglich. Begriffe hernehmen und für sich definieren. Dass dem Trollen meist auch eine zerstörerische Kraft innewohnt, neben der kreativen und interventionistischen, ist doch klar. Daher sprechen wir uns für nicht anonyme Gruppentrolle aus. Sie verstecken sich nicht hinter einer Maske, sondern sie stehen zu ihrer Meinung.

Für diesen hier entstehenden Kollektivtext würde Gruppentrolling bedeuten, dass wir die Thesen hinaustragen, dass wir nicht in unserem kleinen abgeschotteten Etherpad-Kreis diskutieren, sondern die Fragen und vorläufigen Antworten zur Literatur der Zukunft in anderen digitalen Kreisen einstellen. Dass wir uns hyperlinks verhalten, also solidarisch mit den Hyperlinks. Ein Hypertext ist ein Text, ein Link ist ein Text, auf die Vernetzung der INhalte kommt es an. Schon klar, wir sind die Mini-Trolle, super elitär. Mini-Trolle, helau!

Vorhin, hektisch, mich mal wieder verlesend: statt multi-institutioneller Politik => multi-institutionelle Poetik! = DAS HIER?!?!?!?!?!?!?!?!?!?

5. Postsinguläre Literatur

Literatur bedeutet vor allem Sprechen mit Abwesenden. Nicht nur das: Literatur ist das Sprechen über Abwesendes. Die Fähigkeit, Bilder heraufzubeschwören, die real nicht vorhanden sind. Ein Text macht, durch seine gebrochene Kommunikationssituation, seinen Urheber überflüssig. Aber wenn es kein Verschwinden der Individuen mehr geben kann, wenn alles im Stream vorhanden bleibt, wird dieser bemerkenswerte Zaubertrick des Bewahrens einer anregenden, beglückenden oder verstörenden gedanklichen Struktur, zu dem Texte fähig sind, überflüssig.
Mir fällt dazu das Bild der japanischen Liftgirls ein, die ihre Handzeichen machen und Sprüche aufsagen, egal ob jemand im Lift ist oder nicht. Und vieles davon, was auf den digitalen Oberflächen momentan passiert, ist genauso. Aber das heißt nicht, dass das nicht eine komplette Unterbietung der Möglichkeiten des Digitalen sind. Vielleicht sogar die Verkehrung. Denn das Unding ist ja aufs Hören ausgelegt, das ja sehr viel offener ist als das Visuelle der Dingwelt.
Literatur hängt davon ab, ob Poesie und Geschichten nicht auf anderem Wege sehr viel schneller, intuitiver und leichter erzeugt und geteilt werden können, direkt, ohne Sprache, durch Eingriff in die geteilte Stream-Wirklichkeit. Da dies nicht sofort den Tod, wohl aber die Zweitrangigkeit der menschlichen Laut- und Schriftsprache zur Folge hätte, könnte man auch die Literatur auf diese Weise abschaffen.

Postsinguläre Literatur ist die Auflösung von Autorschaft, das Aufgehen des Einzelnen im Kollektiv. Das Kollektiv schreibt die Texte fürs Kollektiv. Alle sind Schriftsteller, alle Leser, alles ist Text. Sounds like fun! But it isn’t.
Ist eigentlich postsingulär transhuman? Ja. Und nein. Weil es ja dann vielleicht noch humane Wesen gibt, aber die sind halt untergeordnete Tiere oder so. Also dann wären Postsingularitäten, die herumlaufen können, schon noch Subjekte, aber nicht mehr Identitäts-formatiert, sondern nur noch Stellen, Positionen, so was?

Nebenbei: Dass hier die Farben immer wechseln, ist das bei Euch auch so? Rotieren dann auch Identitäten (wenn man überhaupt davon sprechen kann – es schreiben jetzt 19 Personen (vielleicht sinds auch nur Bots), von denen 4 Namen haben. Ist wie der Spaziergang im Gebirge, nur mit lauter unbenannt.
Wenn man oben rechts auf die Uhr klickt, kann man nachvollziehen, wer in welcher Farbe aufgetreten ist. Und dann rotierts! Sehr hübsch anzuschauen.

Aber wie könnte der Stream konkret aussehen? Ist das die oben erwähnte DNS? Geht das ins Blut? Oder ins Hirn? Sind das implantierte Chips? Fühlliteratur analog zu Huxleys Fühlkinos? Literatur, die losgelöst von zeichen funktioniert. Eine Sprache des Unbewussten? Wer schreibt dann? Und was ist mit der individuellen Phantasie? Lässt sich all das generieren? Maschinen schreiben für Maschinen? (Goldsmith würde sagen: Das tun sie schon. Was ist denn ein Ping anderes als eine Maschine, die einer anderen was schreibt?) Und wenn das so ist, werden die Maschinen dadurch nicht menschenähnlich? In Popkultur ist das ein Topos, dass die Androiden sich nach Gefühlen sehnen, weil es die einzige Schwäche ist, die sie haben, weil sie nicht lieben können. Und ist Literatur nicht genau das: von Gefühlen abhängig?

Auch wenn das das 21. Jahrhundert nun schon ins vierzehnte Jahr geht, hinkt die Literatur noch immer hinterher, trotz aller Cyperpunkstories [nicht falsch verstehen, ich verehre sie], trotz Twitteratur und trotz des E-Books, das uns nun endlich hinüberretten soll in die Zukunft. Irgendwie hängen wir immer noch zu sehr im Forever 9/11-Club, um wieder weit aufzumachen. Natürlich tut sich auch viel. Und natürlich geht es nur, indem man die Formen der Produktion auch neu denkt oder meinetwegen auch an Jahrhunderte alte Modelle anschließt, die durch die Ein-Stunden-Schreib-Routine eines Thomas Mann und durch das, was dabei herauskam, überdeckt worden sind. In den Fernsehserien vornehmlich US-amerikanischer Provenienz ist schon zu sehen, wie sich das Wissen um die digitale, die kosmopolitische Welt und ihr Erleben in das Erzählen einschreibt. Und in der Literatur ist noch einiges mehr möglich. Bevor es aber zu weit in die Science Ficiton geht, bin ich dafür, auch zu klären, wie sich das aufs Erzählen des Hier und Jetzt auswirkt. Es gibt genug Geschichten, die in dieser weißen, heterosexuellen, gesunden Welt noch nicht erzählt worden sind (also: neue Körper annehmen). Das Netz kann ein Lied davon singen. Und die Literatur könnte mitsingen. Und wenn die, die sich die Sarrazin-Maske aufsetzen, nach Luft schnappen und rufen: Ich suche nach einer Erklärung, von welchen dunklen, ungreifbaren Mächten ich meiner Kraft beraubt worden bin!, könnte man sagen: Keine Ahnung, aber die Literatur war dabei.

Hat vielleicht mit all dem hier nichts zu tun, aber seit einigen Wochen tippe ich meine Mails nicht mehr, sondern diktiere sie aufm iPhone. Die Spracherkennung ist so gut, dass ich richtig nervös werde, wenn sie irgendein dummes Kompositum wie „Schmerzzusammenhänge“ richtig erkennt. Daraus kann übrigens eine eigene Literaturform entstehen – siehe meine Maschinensprachentexte – wenn man sich auf das Mißverständnis einlässt, oder, noch besser, einfach Maschinen sprechen und andere Maschinen zuhören lässt. (Lass Dir mal was von Deinem Computer vorlesen und halte Siri an den Lautsprecher. Versteht sie ihre Maschinenschwester?) Nach einer gewissen Zeit werde ich natürlich nicht mehr nervös werden.

Ich werde schon nervös, weil ich sehe, wie du hier gleichzeitig mit mir Zeichen für Zeichen schreibst, wie dein Text wächst, während mein Text wächst.
Alles transversale Bewegungen – herrlich! Das hier ist jetzt schon mehr Raum als Fläche.
Ich muss die ganze Zeit an den UNterschied von glatten und gekerbten Räumen bei Deleuze denken. Wenn ich das jetzt aber nachschaue im Rhizom, dann bis morgen. Mach ich heute Abend. Oder kann mir das einer von Euch schnell mal so erklären?
Das Glatte ist das Deterritorialisierte, das Gekerbte das [Re-]Territorialisierte, oder?
Also jetzt in Türkis. Ich denke gerade noch mal über das Territorium des Digitalen nach, das sich ja durch seine Deterritorialisierung auszeichnet. Das Digitale wäre also ein Vektor durch den Raum, oder der Riss oder die Falte. Das Digitale als das Mannigfaltige (als Text-Plissée). Das beeinflusst ja dann auch das Verhältnis von Lokalität und Aktivität: der Vektor als aktiver Raum, als beschleunigter Raum, der sich selbst auffaltet und per se mannigfaltig ist. Schreiben ist in diesem Sinne immer digital. Genau, Schreiben, zumindest verstanden als Text, ist digital, so wie denken in gewisser Weise digitall ist, nämlich als Nur-Form. Aber auch die Aktivität selbst, soweit sie ein ewigen Anknüpfen und Umformen ist (wobei man am Ende immer wieder auf das Ding stößt, und sei es nur in Form von Fingerspitzen, die auf Tastaturtasten klappern. Wie grenzt sich dann der Begriff des Digitalen von dem des Prozesses ab? Gute Frage. Ich denke, das Digitale ist der Prozess als Prinzip; was hinzu kommt, ist der Modus des Codec, also die Notwendigkeit, dass es eine Regel gibt, nach der das Digitale wieder lesbar wird (z.B., wenn ein Text einmal in Word und einmal in Photoshop geöffnet wird.) Also: Das Digitale: Prozess + Transkodierung.
Wobei die Transkodierung doch vielfältig sein muss, oder? Ist dann der Code überhaupt noch der richtige Begriff? Code ist für mich Eindeutigkeit pur. Aber Code ist nur eindeutig in Bezug auf etwas, das codiert wird – oder anders: Man liest die Eindeutigkeit nur vom Code her. Wenn man es vom Codierten her liest, ist die Eindeutigkeit nicht mehr da. Also: Ich wechsle den Code, und das Codierte ändert sich. Nein, anders: Man kann vom ‚Codierten‘ nur sprechen, wenn man damit einen Text unter dem Text im Sinn hat (einen Urtext). Dann bleibt der Code stabil aber die Form des Urtextes ändert sich. Was, wenn man das umdreht: Nicht der Urtext ist das, was sich durchhält, sondern das Codierte, das auf verschiedene Codes angewandt wird und, eben nicht vom Code her gelesen, ganz verschiede Ergebnisse produziert. Aber ich glaube das Digitale ist gerade dadurch gekennzeichnet, dass es auf jede Form von Ur-, ob es Urtext oder Ursprung ist, verzichten muss. Den untersten Urtext, die Nullen und Einsen, kann ich mir nicht wegdenken. Das ist vielleicht der Unterschied zwischen dem Digitalen und dem Gedachten. Ach so, ich denke hier an einem übetragenen Begriff des Digitalen herum. Und der hat mit Nullern und Einsen nichts zu tun. Bei dem handelt es sich eher um eine vektoriale Denkform, die auch jenseits des Gerechneten besteht. Aber vielleicht ist hier der Übertragungsschritt zu groß und macht alles wieder unpräzise. Ich würde an dem Unterschied festhalten wollen, auch wenn es gut ist, an die Ähnlichkeit zwischen Text, Gedanke und Digitalem zu erinnern – einen Unterschied muss es doch noch geben. Das Digitale ist das implementierte Denken. Wie meinst du das: implementiert? Das heißt, immer durch einen Code interpretiert, ohne, dass es ein spezifischer sein muss. Andererseits gefällt mir die Idee, den Text vom Codierten her zu denken. Aber gibt es dann noch ein Außerhalb des Textes? Il n’y a pas d’hors-texte (was natürlich auch Quark ist – wie gesagt, der Mensch, das Fleisch, die Finger).

Dazu nochmal die Frage, ob es nicht immer darauf ankommt, wie der Text aufgeführt wird. (Auch dieser Text wird übringens aufgeführt – einmal live, zum zuschauen, und dann in der Wiederholung des Abspielens.) Und auch in welchem Namen. Denn das eine ist ja, daß der Text etwas darstellt, ergo repräsentiert. Das andere ist aber, daß genau diese Repräsentation doch immer auch ein gesellschaftliches/politisches Mandat in sich trägt oder sogar eines IST. Das ist selbst so, wenn dieses Mandat nicht formuliert oder beansprucht, wenn es negiert wird. Deshalb will ich hier auch nicht nur über das Digitale als Zukunft der Literatur sprechen und damit meinen, daß man alles in Text verwandeln kann. Sondern auch klären, wer diese Texte wieder wie verwendet. Es produzieren ja nicht alle die ganze Zeit Text. Und das wird auch in Zukunft nicht so sein. Aber alle reproduzieren die ganze Zeit Texte. Und welche Möglichkeiten von Aneignung sind da? Wie werden die beschnitten? Wo öffnen sich wieder Freiräume? Das alles gehört zu dieser Geschichte dazu. Vielleicht ist Literatur ja nicht nur transhuman, wenn sie sich vom Menschen ablöst, sondern in einem positiven Sinn, wenn sie sich vom Begriff des Menschlichen lossagt. Damit meine ich nicht von Menschenrechten. Ich meine, daß das Bild des Menschen ja gar nicht auf jeden zutrifft.
Jetzt mußte ich kurz ans Bücherregal und Judith Butler rausholen. Jaja, alter Hut, ich weiß schon, alle da draußen. Das hier ist aus: Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, 2009: „Bestimmte Menschen werden als eingeschränkt menschlich anerkannt, und diese Form der eingeschränkten Anerkennung führt nicht zu einem bewältigbaren Leben. Bestimmte Menschen werden überhaupt nicht als menschlich anerkannt, und das führt zu einer weiteren Ordnung nicht lebbaren Lebens.“ Die Ablösung vom Menschlichen ist aber nur eine Möglichkeit; die Ausweitung des Menschlichen ist das andere. Und das ist, glaube ich, viel eher im Transhumanen als im Posthumanen der Fall. Die Aufgabe wäre keine Negation eines Menschenbegriffes, sondern, erstens, eine negative Anthropologie, eine Eingrenzung von außen, und zweitens, als extensionale Anthropologie, eine Erweiterung nach außen. Klar, mir geht es auch nicht darum, den Menschen wegzunehmen, sondern auszudehnen. Sowieso. Und das geht ja gar nicht anders, allein dadurch, daß der Mensch sich schon alles einverleibt hat.
Auch kurz nach 19 Uhr habe ich immer noch Probleme damit, daß das Pad sich ständig neu lädt und immer den Schluß meiner Sätze wegfrißt. Den Anfang irgendwie nie. Auch das ist schon eine sehr menschliche Verhaltensweise. Oder eine, die uns vielleicht das Netz gerade beigebracht hat. Jetzt wurde ich schon wieder unterbrochen. Ach ja. Ich gehe jetzt ins Theater.Wie war’s?

Ergänzung zu dem vorhin Geäußerten über Aufführung von Texten, aber auch wieder nur in zweiter Zunge, diesmal Roland Barthes: „Denn sobald es Sprache (Äußerung) gibt, gibt es auch die Inszenierung – oder Konfrontation – eines Systems von Plätzen (Platz, von dem aus man spricht, den man durchsetzen will; Platz, den man dem anderen zuweist, usw.), das heißt ein System von Äußerungskanälen […]“. Ich finde, daß das Netz uns auf jeden Fall noch mehr Möglichkeiten an die Hand gegeben hat, dieses System von Äußerungskanälen zu begreifen, auch zu gestalten, ja, zu formen. Falls das nicht irgendwo in dem langsam Unüberblickbaren [und für das eben noch nicht digitale Hirn nicht mehr komplett Aufnehmbaren] nicht schon irgendwo steht. So steht. Oder anders steht. Auf jeden Fall anders steht. Oder so UND anders. Das Netz hat uns ja vor allem die Möglichkeit gegeben, alles zu machen, alles gleichzeitig zu machen, so wie hier auch, auf verschiedenen Ebenen zu schreiben, zu lesen, sich selbst zu inszenieren. Aber wir nutzen da ja fast nur gegebene Plätze, von Unternehmen bereitgestellte Plätze, anstatt selbst welche zu besetzen. Reclaim the internet.

Keiner da. 37 Farben unnamed. Die Unbenannten sind bestimmt Trolle, die sich nicht zu schreiben trauen. Passiv-Trolle. Heimliche Beobachter. Mir ist es übrigens ein vollkommenes Rätsel, warum ich ständig eine neue Farbe bekomme und Ihr nicht. Obwohl ich diese Extrawurst natürlich total geniesse, nicht dass der Farbenzuweisungsgott das hier falsch versteht und mich wieder ins Rosa sperrt.
Was stand da oben nochmal? Literatur bedeutet vor allem das Sprechen mit Abwesenden. Ich fühle mich heute postsingulär einsam. Beim Schreiben an meinem Roman vorhin hatte ich die ganze Zeit Phantomerscheinungen von wachsenden, farbigen Zeilen oben rechts und unten links und dann war ich immer ganz enttäuscht, dass es doch nur die Unter-Es-Erscheinungen waren, die mir das Etherpad gestern eingepflanzt hat. Ich wünschte, mein Roman würde so wachsen: ohne mein Zutun. Ich wünschte, die Kapitel würden sich wie von selbst fortsetzen. Von mir aus auch verschiedenfarbig. Ist das dann der Stream, von dem Clemens Setz spricht. Ist dies der Stream? Oder eine Vorstufe davon?l Ohne Dein Zutun (hihi, jetzt habe ich schon wieder eine neue Farbe,), also was ich sagen wollte: Mein Wunsch ist nicht, dass der Roman ohne mein Zutun entsteht, sondern was mich an dem gemeinsamen Schreiben hier so (jetzt will ich „glücklich“ schreiben), was mir an dem Schreiben hier so gefällt, ist dass man nie weiß, an welcher Stelle das Schreiben von mir zu Dir kippt. Und das Ich und das Du dabei multipel sind, jetzt nciht in dem schrecklichen Sinne von diesem Talkshowtyp, wie heißt der nochma Lanz hihi jetzt muss ich echt lachen, aber Du wolltest mir gar nciht reinfuhrwerken, sondern nur Lanz schreiben, nein ich meine Precht. Also: es kippt, aber man weiß nie, wo und wann. Wie bei einem Möbiusband. Ich finde das ungemein befreiend und bereichernd. Und so ein ganz klein bisschen auch Richtung Orgie. Literatursex. Auf jeden Fall orgiastisch. Gedankenexplosionen. Oben hat jemand, ich weiß nicht mehr, wer geschrieben, man dürfe bei dieser Art zu schreiben nicht kiffen, (Clemens) aber diese Art zu schreiben, ist ja wie ein Rausch. und sie geht so herrlich genussvoll daneben, exzentrisch. also was ist jetzt mit der Party?
Ist dies nicht schon die Party? Ist dies nicht die Party, von der wir immer geträumt haben? Nicht das Herumstehen in der Bar 3, sondern die Diskussion, die Debatte, der Diskurs. Das Überlagern der Stimmen, das Durchdringen der Meinungen. Die Welt am Draht. Oder am Drahtlosen. Ich will mal sehen, wie das ist, wenn dann doch die Körper wieder dabei sind. Nach dem hier. Wird anders sein als vorher. Das hoffe ich doch. Sonst hat das doch alles nicht gebracht, wenn wir uns nachher wieder genau so begegnen wie vorher. Wenn wir dann wieder nur über die Oberflächenphänomene diskutieren, anstatt die Zukunft selbst zu gestalten.

Wieso zuckt der Text oben eigentlich immer mal wieder? Weil ich während des Lesens redigiere. Ist das das Blatt aus dem Theater, das heruntersegelt, um meine Auf… ach so. Auf deine was?merksamkeit. Was? Du redigierst? Warum denn? Um selbst den Überblick zu behalten. Sag bloß, Du hast noch einen Überblick? Ich ändere ja nichts. Ich arrangiere neu. Ich collagiere den Text.

Können wir den Transatlantikbajohr irgendwie aufwecken? Bin da. Ich hab seine Adresse. Wir könnten jemanden vorbeischicken. JAAA! Und was mit Clemens? Ist der immer noch im Theater? War das nicht Jörg, der ins Theater wollte?Lila. Bei denen sind doch auch die Farben durcheinandergeraten. Clemens wohnt in Graz. Da kenne ich niemanden außer Clemens selbst. Ich wüsste nicht, wie wir ihn wecken sollten. Fleurop. Ich hätte auch gern einen Weckdienst per Blumenbote. Gute Idee. Welche Blumen, oder viel wichtiger: welche Farbe? Tulpen fürs Genie. Natürlich ein bunter Strauß, von jeder Farbe etwas. Tulpen fürs Genie? Schön. Gut, ich mach das mal. Hast du denn seine Adresse?Nein. Suhrkamp.Ich frag mal, da war ich ja auch mal. Und für Herrn H:B. einen asiatischen Lieferdienst. Eine Wagenladung Glückskekse.Das ist der Plan. Ich kümmere mich drum. Ich warte noch.

Da braucht es jetzt einen Absatz.(Der Absatz war eigentlich mitten im letzten Textblock, aber da ist er rausgeflogen, weil man ja hier nciht die Bestimmerin ist. Nein, es gibt keine Hierarchie. Keine Bestimmerin und keinen Bestimmer.

Ha! Wieder unterbrochen. Ist das das neue Spiel? Ich schreibe an einer Stelle und Du an der anderen, da – ich schreib mal oben weiter, damit Du auch nicht ungestört bleibst.
Ja, so könnte das gehen, wenn wir hier noch mehr zuließen, dann würde auf allen Ebenen gleichzeitig geschrieben werden, so schnell kannst du gar nicht lesen, überall wäre Bewegung. Und die Seite würde in den schillerndsten Farben leuchten.

Wie machst du das bloß? Es wird mir geschenkt. Du spaltest dich auf. Die Frage ist nur, ob man dann weniger einsam ist oder noch einsamer, wenn man gespalten ist. Polylonely. Monopolylonely.

Ich bin immer versucht, auf diesen Clear Authorship Colors-Button oben zu klicken, alles weiß zu machen (mit dem man alle Farben löscht, als seis von einer Hand geschrieben). Zucke aber immer wieder davor zurück, weil es dann so normal wäre, weil dann alles gleich aussehen würde. Nicht, weil dann nicht mehr nachvollziebar wäre, wer was geschrieben hat, das ist ja schon jetzt kaum noch zu sagen, sondern weil das eine Rückkehr zu der Ebene wäre, von der aus wir gestern gestartet sind. Wieso? Was war denn am Anfang anders? Da müsste ich jetzt noch weiter zurückgehen, in die Zeit vor dem Urknall. Wir hätten, so wie wir hier kommunizieren, ja auch in einem anderen offenen Dokument kommunizieren können, ohne farbliche Unterscheidung, in einem ganz gewöhnlichen Textverarbeitungsprogramm. Aber das wäre nicht das Gleiche gewesen. Ich vermute, wir hätten uns mehr gezügelt, wären das Ganze mit einer größeren Ernsthaftigkeit angegangen. Wobei das hier nicht Unernst ist, es ist ja eher so, dass das Spielerische, das diesem kollektiven Schreiben innewohnt, ins Ernste hineingreift. Ich würde diese Unterscheidungen überhaupt nicht machen. Es geht hier doch gerade um die Gleichzeitigkeit. Jetzt zuckt es im Namensfenster, ich glaube, gleich kommt jemand. Ich arbeite viel mit Katharina Grosse zusammen, der Malerin, und an ihrem Medium beneide ich immer so die Sichtbarkeit der Gleichzeitigkeit. Insofern kommt das kollektive Schreiben hier der Malerei nah. Ein Textgemälde. In einem der Texte, die in der Rundschau erscheint, stand doch in einer Fußnote, dass Jelineks Texte dreidimensional sind. Ja, bei Jörg Albrecht. Der schreibt, dass Jelineks Texte keine Flächen sind, sondern Räume. Ist das so, weil man die Aufführung gleich mitdenkt? Dass sie nur deswegen Räume sind, weil sie nicht von A bis Z durcherzählt sind, leuchtet mir nicht ein. Es ist eine andere Qualität. Vielleicht das Mannigfaltige, das hier eben auch stattfindet.
Ja, ich glaube, so meint er das, „der Text muss sich selbst als Raum begreifen, in dem die Dinge, Menschen, Stimmen versammeln“, so wie hier auch. Ich muss unbedingt mal wieder „die Falte“ von Deleuzelesen. Mir rutscht der Begriff immer wieder weg, obwohl er
Siehst du das auch, was da gerade passiert? Der Etherpad malt. Nein, nicht wieder einzeilen…! Danke!

Ja, sich selbst als Raum begreifen? Aber wie? Wie macht sie das? Wie wird man zu seiner eigenen Gleichzeitigkeit? Ich will unbedingt das, was hier passiert, reproduzieren können, falscher Begriff, analoges Denken.
Wie schreibt man alleine im Modus des Etherpads? Das kannst du jederzeit machen. Und vielleicht machst du es ja auch schon. Du meldest dich mit verschiedenen Namen an, gibst dir verschiedene Farben, kommunizierst mit dir selbst. Es gibt Beispiele dafür in den Medien, es gibt Menschen, die haben das getan. Und sie haben es bereut. Nein, nein, das ist mir zu technisch. Ich meinte, wie kann man seine eigene Gleichzeitigkeit schreibend aufführen. Indem wir das hier, während wir schreiben, an eine Wand projizieren.

Ach, so, noch was: ich hätte gerne eine gänzlich analoge Post-Etherpad-Party mit Euch – gerne auch im Modus des Digitalen: also „nichtendenmüssend“, in „flüssiger Wirklichkeit“, wie der Herr Hannes schreibt, der jetzt noch schläft. Transatlantikbajohr. Weltumspannende Kommunikation, zeitversetzt, gebrochen, mäandernd, selbstumspannend, liquid literature. Oder TAB. Ist ja auch schneller.

Ich kann deinen Wunsch danach verstehen, aber eine Party, die in einem physischen Raum stattfindet, wäre anders. Bajohr könnte nicht dabei sein. Die Abwesenheit der Anwesenden macht diese Etherpad-Party ja aus. Wir beide sind jetzt in diesem Raum, in dem die anderen nur noch als Geister vorhanden sind. Wir feiern mit ihnen und doch ohne sie. Jetzt habe ich meine ganze philosophische Arbeit darauf ausgerichtet, gegen die Abstraktion der Körper anzudenken, und dann sowas!

Dann kehren wir jetzt zu den Körpern zurück und schicken die Blumen und die Glückskekse in die Welt hinaus. Bis gleich!

Kann man das hier irgendwie zusammenfassen? (Ich, weiß, es ist schon nach der Zeit, aber im Grunde kann das Ding hier keiner mehr abstellen, wenn es einmal angestellt ist – auch das geht immer weiter) Ich glaube, man kann es nicht, das hieße es zusammenziehen, von einer Linie auf einen Punkt. Und den wollen wir nicht machen. Vielleicht kann man sogar sagen: Wenn das räumliche Schreiben unser eigenens Schreiben infiltriert, ist das Experiment geglückt. Und so sieht es ja inzwischen aus.

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