Was zur Sprache kommt

Der folgende Beitrag erschien in der Zeitschrift Buchkultur 4/2026.

Was zur Sprache kommt, sind immer zwei Dinge: Was die Sprache ausdrückt und was die Sprache ausdrückt. 

Der erste Fall ist klar. Hier gibt es nur eins: die Sprache selbst, die spricht. Sie ist ein System von möglichen Aussagen, potenziellen Konstellationen, Fortsetzungen und Kombinationen, das gar nicht notwendig ein Innen braucht, das sich nach Außen kehrt, um etwas über sich selbst zu sagen. Denn Sprache kann immer auch ohne ein Subjekt sprechen, auch wenn ein Subjekt sie spricht. Die besten Beispiele experimentellen Schreibens – von der Wiener Gruppe bis Oskar Pastior, von der Oulipo bis Dagmara Kraus – drücken und kitzeln, spornen und dehnen die Sprache, dass man sieht, was sie eigentlich kann, wenn sie nicht nur Träger von Bedeutung sein soll, nicht nur einfaches Medium zum Etwassagenwollen. 

Der zweite Fall ist vertrackter. Denn einerseits kann es durchaus ein Jemand sein, der etwas sagen will: ein Mensch, der ausdrückt – Gefühle und Gedanken, bewusste oder unbewusste –, was man von jeher Expression nannte, und das glückt, wenn es sich mit dem deckt, was ausgedrückt werden sollte. Aber was spricht, muss nicht notwendig ein Mensch, sondern mag auch der ganze Apparat sein, den dieser Mensch zum Sagen bedienen muss: der Stift und das Papier, der Wordprozessor, vielleicht auch das Alphabet selbst (und dann dieses statt jenes). Und diese Technik wiederum kann entweder nur Medium sein, das zwischen Gedanke und Ausdruck vermittelt und das man eben braucht, um überhaupt zu sagen; oder sie kann selbst sein, was zur Sprache kommt: nicht als Sprache an sich, auf die es – anders, als im ersten Fall gedacht – eben keinen direkten Zugriff gibt, sondern als die Technik, die Sprache erst zu erscheinen erlaubt. 

Und das ist das Thema meines Schreibens. »Ich« interessiert mich nicht. Als Gegenstand oder Ursprung von Bedeutung will ich im Text gar nicht auftauchen. Mich interessiert die Sprache – die es aber nie allein gibt, sondern nur als Zeigen dessen, was sie, ganz konkret, produziert. Zeigen will ich die Maschinerie, die wir verwenden, wenn wir schreiben, die Apparate und Methoden, durch die wir Sprache hervorbringen, die Geräte, die mit an unseren Gedanken arbeiten, die Oberflächen, durch die hindurch wir sie bedienen, die Programme, mittels derer heutzutage gesagt wird, und die Optionen und die Zwänge, mit denen und durch die hindurch was sich sagen lässt gesagt wird. Was mich interessiert, ist dann auch Digitale Literatur, die all das unter den gegenwärtigen technischen Bedingungen sichtbar macht. 

Etwas zeigen, das normalerweise unsichtbar bleibt und doch immer wirkt – das gibt es ganz abstrakt. Wenn George Perec einen Roman ohne den Buchstaben E schreibt, geht es, um die Möglichkeiten und Beschränkungen des Alphabets zur Darstellung von Lauten, ebenso, wenn Konrad Bayer oder Gerhard Rühm Sprache in ihre kleinsten Kombinationsmöglichkeiten zerlegen und die Diskretheit von Text selbst vorführen. Die Digitale Literatur ist da noch einmal konkreter. Sie setzt an den Mitteln und Methoden der digitalen Welt selbst an. 

Das kann das Interface sein, wie die Synonymfunktion von Microsoft Word, die selten echt Gleichbedeutendes ausgibt, sondern oft Überbegriffe, Nebenwörter oder Unterkategorien. Nimmt man sich etwa ein Gedicht vor und ersetzt jedes Nomen oder Verb mit einem Synonym, erhält man gerade kein Äquivalent des Ursprungs – ein Selbes in anderen Worten –, sondern eine Verschiebung im sprachlichen Raum, dessen Logik durch das Programm vorgegeben wird.

Das kann Transformationen von Laut, Bild und Schrift meinen, wie ein Text, aufgenommen mit der Spracherkennung des iPhones, aber auf eine andere Sprache eingestellt; oder eine Stenografie, die durch ein Bilderkennungsprogramm einen Text baut, wenngleich nicht den, der ursprünglich gemeint war. Diese Sprache, die durch die Augen und Ohren der Maschine gegangen ist, zeigt, was in ihr vorgeht. 

Das kann auch Code meinen, jenen Urtext des Digitalen, in dem alles gespeichert, aber auch alles produziert wird, und in dem bereits seit siebzig Jahren schon Literatur gemacht wird – durch Permutation und Kombination, durch Satzschablonen und Zufallsmodule, so dass aus zehn Elementen dreieinhalb Millionen Möglichkeiten entstehen. 

Und heute kann das schließlich auch bedeuten, vom Programmieren aufs Trainieren umzusteigen und die Großen Sprachmodelle künstlicher Intelligenz nach ihren Möglichkeiten hin zu untersuchen, indem man eigene Modelle baut oder bestehende gegen den Strich verwendet. 

Dabei es geht nie darum, Technik als Technik zu feiern. Keine Textmaschine ist bereits deshalb gut, weil sie existiert. Ziel ist mir immer, ihre Grenzen zu suchen – denn wo etwas scheitert, wo das Werkzeug zu knirschen beginnt, lernt man mehr über es als in der technischen Vorführung seiner angedachten Kompetenzen. 

Wenn die Sprache heute aus den Maschinen ohne Subjekt spricht, ist mein Interesse, ihre Fähigkeiten zu verstehen, ihre Logiken und Beschränkungen – aber nicht, darin ein neues Subjekt zu vermuten, und nicht, den Mittelwert der Sprache, den sie produzieren, schon für das Ganze ihrer Möglichkeit zu halten. Gerade weil diese Apparate normalisieren, glätten, fortsetzen, vervollständigen ist so interessant, was geschieht, wenn man sie aus dem Takt bringt: wenn man sie überfordert, falsch anschließt, zweckentfremdet, in Schleifen schickt, mit unpassendem Material füttert oder dazu zwingt, nicht das Wahrscheinliche, sondern das Abseitige hervorzubringen.

Digitale Literatur, die mich interessiert, ist keine bloße Literatur mit digitalen Mitteln. Sie ist eine Literatur der Bedingungen, unter denen Sprache heute erscheint. Sie fragt nicht nur, was gesagt werden kann, sondern wie etwas sagbar wird. Sie ist nicht das Ich hinter der Sprache, nicht die Maschine als neues Ich, sondern die Form, in denen Sprache sich zeigt, wenn man ihre Apparate sichtbar macht. 

Schreiben heißt hier, an den Bedingungen des Erscheinens von Sprache zu arbeiten – dort, wo sie spricht, weil jemand sie spricht; dort, wo sie spricht, obwohl niemand spricht; und dort, wo man erst im Stören, Verstellen und Ausreizen ihrer Technik erkennt, was in ihr zur Sprache kommt.


Beitrag veröffentlicht

in

von

Schlagwörter: