FÜNF VORSCHLÄGE FÜR EIN NEUES JAHRTAUSEND (EGO-FREIE VERSION)

Im März 2014 erschien die Neue Rundschau unter dem Titel »Manifeste für eine Literatur der Zukunft«, für die der Herausgeber, Jan Brandt, Programmatisches und Prognostisches versammelte. Zeitgleich schrieben auf der S.Fischer-Website hundertvierzehn.de Brandt, Annika Reich, Nikola Richter, Clemens Setz, Jörg Albrecht und ich an einem kooperativen Live-Kommentar.

Mir gefiel an diesem Experiment vor allem, wie widerspüchlich der Text wurde, und wie kreiselnd er fortschritt, nach links und rechts ausbrach, vom Abstrakten ins Konkrete und wieder zurück.

Aber weil der Editor, Etherpad Lite, noch erlaubte, die Autoren per Farbcode zu identifizieren, war es eben doch kein kollektives Selbstgespräch, sondern eher ein schlampig formatiertes Drama, in dem man den Wechsel der Stimmen noch viel zu gut nachvollziehen konnte.

Wie anders er sich liest, wenn die Farben wegfallen, kann man hier sehen: Er wird ein großer Selbstzweifel, etwas prophetisch, etwas banal, und immer ein wenig schizophren. (mehr …)

akademisches literarisches Neue Rundschau

HALBZEUG FÜRS ZEUGHAUS
Notizen zur Arsenalerweiterung

Ar|se|nal n. Rüstkammer, Zeughaus. Ital. arsenale m., eine Entlehnung von arab. dar as-sina ̔a ›Haus, wo etw. hergestellt wird‹.

Halb|zeug, n. halbfertiges Erzeugnis; Ware zwischen Rohstoff u. Fertigfabrikat, die schon verschiedene Fertigungsstufen hinter sich hat, aber noch weitere durchlaufen muss.


Das Ding entrüstet sich, weil es vom Unding her Witterung aufnimmt. Das Unding ist das Digitale.

 

Wo sich heute das Ding gegen das Unding auflehnt, ist das ein Exerzitium in kannibalischer Nostalgie. Die scheinbare Rückkehr des Dings ist nur eine hilflose Fetischisierung im Schatten des Undings.

 

Der Text, der immer schon Gedanke war, braucht das Ding nicht mehr. Er kann sich im Unding niederlassen, sich darin verschieben und verschwimmen. Weil das Unding keinen Körper hat, kann es so viele Gestalten annehmen, wie ihn auszulesen bereit sind.

 

Was ist das Digitale? Ein großes Versprechen: Alles ist Text. Bilder, Töne, Filme sind Text. Sogar Text ist Text. Denn nicht er selbst ist schon das letzte Wort, sondern nur Wellenschlag eines submarinen Zeichensystems. Bereits das Wort Wort ist eine Ebene tiefer, hexadezimal, als 57 6F 72 74 codiert und wieder darunter, binär, als 01010111 01101111 01110010 01110100.
(mehr …)

akademisches literarisches Neue Rundschau

7 × ARSENALERWEITERUNG (COLLÈGE DER ORDNUNGEN)

pflichtfach vorhandensein

niemand galt bisher

verlockend entgleitet
die sogenannte goldmine
anspruchsvoller erfahrung
unsere jugendlichen betrachten
wintersemester der richtigen technologien

transhumanismus aller buchtechnologien
übermenschlich heute haben wir
uns nicht mehr eine zukunft gemeinsam
dieses neue unausschöpflich ist sinnvoller
dem wünschen mit hoher erwartung

inselbegabung internet

im schwitzen des kulturjournalismus

schärfere organisationsformen die
gelöscht im trakl der selbstauflösung
mystisch und in selbstzweck
dem visitor die abriebhalde
zu babylon übertragen

wo substanz der menschen interessiert
haben noch die gelände schicksalen
hoch abgerungene wirkmacht
in einem nistet nämlich ausgemerzt
ein es-talk im wollen-werden

denkziegel now

welt-denkfehler zukunft

sei der informationen alleweil zu muß
prozesse nur lasst definieren
die liebsten diskurs-protagonisten
man entbindet die jahre letztlich
in foucault-schneisen der anteilnahme

wir haben leser unserer empfunden
wir selbstbezug zu uns autoropfer
wir halbes unmittelbar
deutschland bewegen
dazu führt das

[Alle Texte dieses Bandes gemeinsam als Wortkorpus verwendet und willkürlich mit dem PHP-basierten Automatengedichtautomaten rekombiniert, danach frei bearbeitet, vgl.
hannesbajohr.de/automatengedichtautomat, v.a. Regel 6.]

automatengedichte literarisches Neue Rundschau

7 × ARSENALERWEITERUNG
(WIR: 29 – WORD KEY IN CONTEXT)

                wir brauchen
                wir könnten
                wir könnten oder
               „wir bräuchten“
           sind wir längst   
         so wie wir sind
                wir hätten so und so
            was wir allerdings unbedingt
       brauchen wir wirklich
                wir jetzt schon
         wenden wir uns
         läuten wir
       brauchen wir überhaupt eine zukunft
           wenn wir mit der vergangenheit
                wir kennen
                wir werden uns
                wir zum angriff
         lassen wir heute
          geben wir zu?
     genehmigen wir uns
         hatten wir schon mal
                wir nach dem zerfall
   konservieren wir uns
       bekennen wir
    genauso wie wir?
         lieben wir doch heiß
       wo waren wir stehengeblieben?
augenblick sind wir
  damals hatten wir auch noch kraft genug

 

[Konkordanzen des Schlüsselwortes ›wir‹ in Jan Faktors Text »bandwurm im warmdarm« in der Reihenfolge seines Auftretens, erstellt mit Concord v.0.9; anschließend selektive Weißung rechts und links.]

in corpore literarisches Neue Rundschau

7 × ARSENALERWEITERUNG (UND WER)

der mach und mach
mach und halt es
es wird dich hören
es wird dich sehen
es wird dich lesen
wenn du machst
musst du nicht halt
das wenn du machst
wird dir werden
schick zum und tu
gehört dir nicht
du musst
sonst gibt es den nicht
lern das muss in je zur
wenn du das stil nennst
werk dann schlägst
du selber den das ist
das ist kann werden
der schritt der in texten statt
der kampf in das
ist an ort den ort
dafür du im kampf
ich und selbst an ort

texte so
sich übe das ist
wenn zu lesen ist
dann bist du im sport
nichts als mit den
der zu der zu
jeder im zu
und so der in jedem
je und doch ganz zu
dessen darfst du
nicht müde werden
nicht ist ist das
in den der ist
in der du dir selber
erzählen hättest können
nimm wut über
nimm über mühsal des
wut und werden dich
den sprechen der ränder
und werden
als mach dich
mach als ist
und wer

[Alle je nur einen Vokal oder mehrere identische Vokale enthaltenden Wörter aus Marlene Streeruwitz’ Text »Theorie der Romane« in der Reihenfolge ihres Auftretens, mithilfe eines einfachen Perl-Scripts geordnet; Umlaute wurden vom Script ignoriert]

linguarsenal literarisches Neue Rundschau

7 × ARSENALERWEITERUNG
(DER TRANSHUMANE HÖRER)

mean month year mark on a massive who didn’t
kind of data at rest 2 to 100 mid-unoffending
didn’t the mouse’s five the policy may legally thought
in the wood and install cost enticed efficient at
shall these the hardtop endorsed us for little cottage direct
phone line dimensions amazed
on the whole father on cops could fetch this
order him to mortgage colored Soviet
in entities to demand made on a hunch and become
both an act that was a high time commitment

of our universe does default
month Jimmy didn’t need under limited beef is lit the
so-called agenda the garnish is between a theist
busy the stars 10
stores in the fount
on version either hinder on the underside on up
one frenzy in London they are gone
sideways in a minor hunt slash
owns the vengeance the top

of five dollars gets important
or unfortunate about this reason
the him up and host the softens on market
and a God beside someone’s follicles
geek item and on them comma
it’s rented thus all by the any month
on a massive in Denmark
is that the other in fundamental
concepts the can doubt those things he followed

 

[Clemens J. Setz’ Übertragung des Gedichts »To A Stranger Born In Some Distant Country Hundreds Of Years From Now« von Billy Collins, von der OS X-Sprachausgabe (Stimme: Yannick) auf Deutsch vorgelesen und von der Spracherkennungssoftware Dragon Dictate 3 phonetisch als amerikanisches Englisch erkannt; kann wieder von englischer Sprachausgabe vorgelesen werden, et ad infinitum.]
[Clemens J. Setz’s German translation of Billy Collins’s
To A Stranger Born In Some Distant Country Hundreds Of Years From Now, read out loud as German by OS X’s text-to-speech function (voice: Yannick) and processed by the speech recognition software Dragon Dictate 3 as American English; can be read out again by an English voice, et ad infinitum.]

english literarisches maschinensprache Neue Rundschau

7 × ARSENALERWEITERUNG
(PROJECTE, PROJECTE!)

albrecht1

albrecht2

albrecht3

albrecht4

[Die Beschreibungen der ›Projects‹ aus Jörg Albrechts Beitrag »Auch das allerkleinste Unglück in dir klammert sich an das Imperium« in den als UTF-8 codierten Text der vier Bilddateien eingefügt; das Dateiformat (JPEG, PNG, JPEG2000, PCX) bestimmt dabei die Glitches.]

literarisches Neue Rundschau

7 × ARSENALERWEITERUNG (ELEKTRONISCHE HYBRIS)

jirgl

[Der mit ›Literatur und Internet‹ beginnende Absatz aus Reinhard Jirgls Text »Im Stein jeder Gegenwart liegt die Skulptur der Zukunft«, handschriftlich kopiert, mit 600 dpi gescannt und per ABBYY FineReader Express 8.3 mittels OCR erkannt und als PDF exportiert; offensichtlich gescheitert.]

literarisches maschinensprache Neue Rundschau

7 × ARSENALERWEITERUNG (No. 7)

So Feb 23 2014 1:00:31 UTC

Als Ausblick auf die kommende Neue Rundschau mit dem Titel »Manifeste für eine Literatur der Zukunft«, hier der medienbedingt nur online verfügbare siebte Teil meines Beitrags »7 × Arsenalerweiterung«.

»No. 7« zeigt, wie Transkodierung nicht nur eine Literaturform sein kann, sondern die Form der Literatur im Digitalen überhaupt ist. Das Vorwort von Jan Brandt ist hörbar gemacht, und zwar unabhängig von seinem Inhalt, nur durch die Umwandlung der Rohdaten der Textdatei in eine Audiodatei.

In der kommenden Woche wird der gesamte Text mit einem Kommentar hier und auf dem S.Fischer-Blog hundertvierzehn.de erscheinen.

[Jan Brandts Vorwort »Manifeste für eine Literatur der Zukunft« für die ›Neue Rundschau‹ im DOCX-Format als raw data in Audacity importiert; rechte Spur als GSM 6.10 mit 441Hz Abtastrate encodiert; linke Spur als GSM 6.10 mit 44100Hz Abtastrate encodiert und auf die Länge der rechten Spur gedehnt.]

(Das Bild zeigt übrigens dieselbe Datei als JPG.)

hinweis literarisches Neue Rundschau