HALBZEUG FÜRS ZEUGHAUS
Notizen zur Arsenalerweiterung

Ar|se|nal n. Rüstkammer, Zeughaus. Ital. arsenale m., eine Entlehnung von arab. dar as-sina ̔a ›Haus, wo etw. hergestellt wird‹.

Halb|zeug, n. halbfertiges Erzeugnis; Ware zwischen Rohstoff u. Fertigfabrikat, die schon verschiedene Fertigungsstufen hinter sich hat, aber noch weitere durchlaufen muss.


Das Ding entrüstet sich, weil es vom Unding her Witterung aufnimmt. Das Unding ist das Digitale.

 

Wo sich heute das Ding gegen das Unding auflehnt, ist das ein Exerzitium in kannibalischer Nostalgie. Die scheinbare Rückkehr des Dings ist nur eine hilflose Fetischisierung im Schatten des Undings.

 

Der Text, der immer schon Gedanke war, braucht das Ding nicht mehr. Er kann sich im Unding niederlassen, sich darin verschieben und verschwimmen. Weil das Unding keinen Körper hat, kann es so viele Gestalten annehmen, wie ihn auszulesen bereit sind.

 

Was ist das Digitale? Ein großes Versprechen: Alles ist Text. Bilder, Töne, Filme sind Text. Sogar Text ist Text. Denn nicht er selbst ist schon das letzte Wort, sondern nur Wellenschlag eines submarinen Zeichensystems. Bereits das Wort Wort ist eine Ebene tiefer, hexadezimal, als 57 6F 72 74 codiert und wieder darunter, binär, als 01010111 01101111 01110010 01110100.

Wo alles Text ist, ist das Unding stets offen, transkodiert zu werden. Die Form, die der Text annimmt, hängt allein von den Ausleseregeln ab, vom Codec, der dabei dem Text immer äußerlich ist. Transkodierung heißt: Man kann einen Ton sehen und ein Bild hören, so als könnte man von einem Buch nicht nur die Lettern lesen, sondern auch Papier, Leimung und Heftfaden. Das ist der Unterschied zwischen Ding und Unding: Die Transkodierung ist potentiell unbegrenzt.

 

Wo im Digitalen alles Text ist, da ist auch alles Lesen, da ist auch alles Schreiben.

 

Was ist das Digitale am digitalen Schreiben? Nicht Twitter, Google und Facebook. Auch sie sind nur fluktuierende Oberflächenphänomene. Sie sind keine Medien, sondern Zugriffsweisen auf ein Medium, das selbst nur ein Körper ist, den das Digitale annimmt und abstreift. Es wird eine Zeit nach Facebook geben. Man macht einen Fehler, wenn man das Internet allein schon für das Digitale hält.

 

Die Gegenwartskunst kennt net art und digital art: Das eine ist Kunst, die das Internet als Fundort ihrer objets trouvés durchstreift. Sie liest die von der Betriebsreibung sozialer Medien abfallenden Späne auf und stellt sie aus. Das andere ist eine Kunst, die durch diese Körper auf das Unding selbst hindurchsehen kann.

 

Entsprechend müssen wir zwischen Netzliteratur und digitaler Literatur unterscheiden. Flarf, twitterature und spam lit sind Netzliteratur, Schnappschüsse eines kulturellen und linguistischen Augenblicks. Digitale Literatur wäre dagegen etwas, in dem die Veränderung der Weltwahrnehmung durch das Digitale überhaupt Darstellung findet.

 

Was ist Welt im Digitalen? Es die Welt, in der das Ding vom Unding her bereits Witterung aufgenommen hat. Der Text, der immer schon Gedanke war, kann, einmal vom Ding befreit, fortwährend transkodiert von Unding zu Unding fließen, ohne je einen finalen Zustand anzunehmen. Doch gerade weil alles im Unding fluktuiert, ist es unmöglich, bei Null anzufangen. Stattdessen ist, und zwar wirklich erst heute, alles frei, wieder und weiter verarbeitet, transkodiert und prozessiert zu werden.

 

»Dabei zeigt sich, daß die ›Fertigstellung‹ des Werkes in seiner Dinglichkeit nur ein willkürlicher Einschnitt ist und daß das aus dem Prozeß seines Werdens herausgetretene Werk unmittelbar in einen neuen Prozeß eintritt.« (Blumenberg über Valéry.) Dieser Einschnitt der Dinglichkeit ist im Unding aufgehoben.

 

Wo alles Text ist, gibt es kein Werk mehr, nur noch Halbzeug. Das Digitale ist das Nichtendenmüssende, das Immerweitermachenkönnen. Es ist die Sammlung von Instrumenten zu seiner eigenen Verarbeitung. Es ist das ›Haus, wo etwas hergestellt wird‹, ohne dass dessen Fabrikat das Arsenal je verließe. Was früher trotz aller Postulate doch immer das Knistern des Dings brauchte, ist im Unding flüssige Wirklichkeit geworden. Auch Gysin machte sich noch die Finger schmutzig.

 

Wo sich das Ding nur noch entrüsten kann, wird der Literatur die Welt als Unding zur Rüstkammer. Die Welt im Digitalen ist die Welt als Halbzeug fürs Zeughaus. Das Halbzeug zu bearbeitet braucht es Rüstzeug. Ins Arsenal gehören daher gerade jene Programme, Modelle und Funktionen, die auf der untersten Ebene des Undings ansetzen.

 

Digitale Literatur ist immer datamoshing. Es ist ein Sprechen mit Maschinen in den  Korpora der Computerlinguistik. Auch Aleatorik, Kombinatorik und Iteration, die Lieblinge der alten Avantgarden, sind erst im Unding wirklich frei.

 

Dass alles Halbzeug ist, weiß auch die neue Avantgarde, das Konzeptuelle Schreiben. Aber erst im Digitalen kommt es ganz zu sich. Auch ein Konzept kann Unding sein.

 

Das Unding ist das Digitale. An ihm ist zu arbeiten.

 

[Diese Notizen beziehen sich auf meinen Beitrag „7 × ARSENALERWEITERUNG“, der in der aktuellen Neuen Rundschau abgedruckt ist und hier gelesen werden kann.]

akademisches literarisches Neue Rundschau

Kommentare

  • […] alles Text ist, gibt es kein Werk mehr, nur noch »Halbzeug«, jenes Übergangsprodukt zwischen Rohstoff und Fertigfabrikat, das weder ganz unbehauen noch […]

  • […] everything is text, there is no work anymore, only what is known in German as Halbzeug, “half-stuff,” that semi-finished product between raw material and completed […]

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