Walter-Höllerer-Vorlesung

Am Donnerstag, den 8.12. halte ich die Walter-Höllerer-Vorlesung an der Technischen Universität Berlin zum Thema »Artifizielle und postartifizielle Texte. Literatur und künstliche Intelligenz«.

Aus der Veranstaltungsbeschreibung:

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sind heute zu einem großen Teil Sprachtechnologien. Wie alle neuen Sprachtechnologien provozieren sie damit literarische Experimente, die ihre Grenzen ausloten – die der Technologie, aber auch die der Sprache. Vor allem, was man digitale Literatur nennt, produziert solche „artifiziellen“ Texte, und die Vorlesung nutzt sie als Ausgangspunkt für ein Update der Frage nach dem Status von Sprache im technischen Zeitalter.

Die Geschichte digitaler Literatur reicht wahlweise bis zum Anfang der Computertechnik oder gar, als poetische Sprachkalküle, bis in die Antike zurück. Aber erst mit Künstlicher Intelligenz in Form maschinellen Lernens haben künstliche Texte eine Komplexität erreicht, die einer ganz neuen Qualität gleichkommt – artifizielle Texte scheinen immer weniger artifiziell.

Was heißt es aber, dass Texte „künstlich“ sind? Verglichen womit? Und ist diese Künstlichkeit notwendig ein literarisches Defizit? Traditionellerweise werden ihnen, da nur per Regelsystem oder statistischen Berechnungen zusammengesetzt, all die klassischen Merkmale natürlicher Sprache – Bedeutung, Referenz, Kommunikation – abgesprochen. Aus technischer Sicht zeigen sich heute aber Tendenzen, KI-Modelle immer näher an diese Qualitäten anzunähern.

Folgt man spekulativ dieser Entwicklung, stellt sich die Frage, wie eine Zeit post-artifizieller Text aussähe – eine Zeit, in der die Unterscheidung zwischen künstlicher und natürlicher Sprache, ihrer menschlichen oder technischen Urheberschaft immer nebensächlicher wäre. Mit automatisierten Nachrichtentexten stehen wir bereits am Beginn dieser Entwicklung, der artifizielle Roman ist nur ein logischer nächster Schritt.

Der digitalen wie der konventionellen Literatur eröffnen sich damit zwei parallele, aber spiegelbildliche Möglichkeiten: mitzugehen und die Differenz zwischen humaner und technischer Autorschaft aufzugeben oder aber gegenzusteuern – und so Künstlichkeit wie Menschlichkeit eigens zu betonen. Die Standarderwartungen an Sprache im Zeitalter Künstlicher Intelligenz hätte sich in jedem Fall radikal verschoben, weil die Herkunft eines Textes nicht mehr entschieden werden müsste.

An den Vortrag von Hannes Bajohr schließt sich ein Gespräch mit der Schriftstellerin Ulrike Draesner an.

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Hildesheimer Poetikvorlesung 2022

Auf Einladung der Universität Hildesheim werde ich am 15. November die Hildesheimer Poetikvorlesung halten. Die Vorlesung als Institution wurde »initiiert mit dem Gedanken, die Arbeitsprozesse von etablierten Schriftsteller:innen zugänglich zu machen und ihre Materialien, ihre Vorgänge und Gedanken zum Literaturbetrieb greifbar werden zu lassen. Eine Bühne mal nur für die Arbeit als Schriftsteller:in.«
Unter dem Titel »Schreiben in Distanz« werde ich im Literaturhaus St. Jakobi über digitale Literatur sprechen. Für diesen Anlass habe ich auch einen Twitterbot gebaut, der die älteste Technik digitaler Literaturproduktion mit der neuesten verbindet.

Wie das genau funktioniert, erkläre ich auf meiner GitHub-Seite. Zur Veranstaltung geht es hier.

PS: Die Vorlesung hat inzwischen stattgefunden:

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Neuer Beitrag: Dumme Bedeutung. Künstliche Intelligenz und artifizielle Semantik

In meinem neuen Essay in der November-Ausgabe des Merkur schreibe ich über das Paradox, dass große KI-Modelle zwar unintelligent sind, sie aber doch zu einem gewissen Maß Semantik verarbeiten können – sie können dumme Bedeutung verarbeiten. Man kann ihn hier lesen.

 
 
 
 
 
 

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Neuer Titel: RENGA ANGER

Cover des Buchs Renga Anger von Hannes Bajohr im Verlag edition taberna kritika, 2022

Heute erscheint mein Gedichtband Renga Anger im Verlag edition taberna kritika, Bern. Aus der Verlagsankündigung:

Die Geschichte geht so: 1969 treffen sich die Dichter Octavio Paz, Jacques Roubaud, Edoardo Sanguineti und Charles Tomlinson in einem Pariser Hotelkeller und schreiben in fünf Tagen ein viersprachiges Kettenpoem. Renga – angelehnt an die japanische Gedichtform dieses Namens – übersetzen sie anschließend je einzeln. Im Renga wie in der Übersetzung geht es um Anknüpfung, um ein Weitermachen mit dem, was gegeben ist. Dabei sind die Übertragungen, die die selbst Autoren anfertigen, recht konventionell: Sie bringen das Polyglott des Kollektivgedichts schlicht wieder in die Einsprachigkeit. Hannes Bajohr schlägt eine andere Strategie vor: die Seit-wärtsübersetzung – eine Weiterführung in und Anknüpfung an sich selbst, die nichts neu überträgt, sondern das Vorgetragene neu zusammenträgt. RENGA ANGER basiert auf einem Skript, das die die Zeilen des Originals und der Übersetzungen neu anordnet und so aus dem vorhandenen Material dynamisch eine Unmenge neuer Texte generiert. Der Band hebt an als Remix des originalen, mehrsprachigen Renga; er schreitet fort mit den Einzelsprachen; und er endet mit einer brandneuen mehrsprachigen Version, die nun aus allen existierenden Übersetzungen inklusive der 1983 von Eugen Helmlé angefertigten deutschen besteht – eine Rückübersetzung in den Ausgangszustand, ein Renga 2022, eine Autotranslation.

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Zwei (halb-)neue Herausgaben

Cover Briefwechsel zwischen Hans Blumenberg und Hans Jonas. Cover Der Anthropos im Anthropozän

Ganz neu ist der Briefwechsel zwischen Hans Jonas und Hans Blumenberg, den ich für den Suhrkamp Verlag zusammen mit Bernadette Böhler-Herrmann herausgegeben habe (unter ihrer Herausgeberinnenschaft erscheint er integriert in die Jonas-Werkausgabe, die bei Rombach erscheint). Hier geht es zur Rezension in der FAZ von Jürgen Goldstein (zu den Besprechungen scrollen).

Nur neu aufgelegt, aber im Paperback nun ungleich günstiger als die Hardcover-Auflage, wurde der Band Der Anthropos im Anthropozän; darin geht es über die Rückkehr des Menschen in gegenwärtigen Anthropozäntheorien. Guillaume Paolis Rezension der Erstauflage im Freitag findet sich hier.

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Beitrag über KI-Kunst

Für die Republik habe ich einen Text geschrieben, der sich mit den Möglichkeiten, Grenzen und Herausforderungen von KI-Kunst befasst. Er ist hier zu lesen.

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Neues Buch: Schreibenlassen. Texte zur Literatur im Digitalen

Cover Hannes Bajohr, Schreibenlassen. Texte zur Literatur im Digitalen. Berlin: August 2022

Der Essayband Schreibenlassen. Texte zur Literatur im Digitalen versammelt Aufsätze zu digitaler Literatur, künstlicher Intelligenz und Schreibpraktiken mit dem Computer. Aus der Verlagsbeschreibung:
Alle Literatur ist heute digital, aber nicht jede weiß darum. Die Frage, in welchem Sinne von digitaler Literatur gesprochen werden kann und was daraus für das Wissen über Literatur und Digitalität folgt, animiert die Beiträge dieses Bandes. In ihnen diskutiert Hannes Bajohr Verwandtschaftsverhältnisse zwischen konzeptueller und programmierter Literatur, skizziert Poetologien und Schreibpraktiken und stellt sich der Herausforderung, die Künstliche Intelligenz sowie machine learning für das literarische Schreiben darstellen. So dokumentieren die zwischen 2014 und 2021 entstandenen Texte auch die Veränderungen in der Diskussion über Literatur im Digitalen. Sie erheben Einspruch gegen ein „prometheisches Unbehagen“, das die Ersetzung des Menschen durch die Maschine fürchtet und daher die Maschine nur menschlich denken kann. Welche Möglichkeiten ergeben sich stattdessen aus einer Literaturproduktion, die nicht mehr an einer anthropologischen Sonderstellung und Begriffen wie Genie oder Kreativität orientiert ist? Denn Literatur, so lässt sich hier erfahren, gibt es ohnehin nur als Verabredung.

Man kann Schreibenlassen im August Verlag bestellen.

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Neues über Hans Blumenberg

Cover Blumenbergs Verfahren. Neue Zugänge zum Werk, hg. v. Hannes Bajohr und Eva Geulen. Göttingen: Wallstein 2022. Cover von New German Critique 49:1 (2022), Sonderheft "Blumenberg at 101"

Dieses Jahr beginnt mit zwei neuen Publikationen über Hans Blumenberg, die ich (mit)ediert habe. Als spätes Resultat einer im Oktober 2019 abgehaltenen Tagung ist im Wallstein Verlag der von Eva Geulen und mir herausgegebene Band Blumenbergs Verfahren. Neue Zugänge zum Werk erschienen. Zeitgleich, aber bereits seit drei Jahren in Vorbereitung, kommt auch ein Sonderheft von New German Critique mit dem Titel »Blumenberg at 101« heraus.

Mein Beitrag ist eine Untersuchung über einen faszinierenden, aber oft übersehenen Text Blumenbergs aus dem Mai 1968 über politische Theorie. Hier ist er auf Deutsch, hier auf Englisch zu lesen.

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Neuer Titel: Blanks. Word Processing

Cover of Hannes Bajohr, Blanks. Word Processing, Denver: Counterpath 2021.Soeben ist Blanks: Word Processing – die englische Übersetzung meines Gedichtbandes Halbzeug. Textverarbeitung – bei Counterpath Press in Nick Montforts Using Electricity-Serie erschienen.

Ein book launch findet am 21 November bei Room & Board, Brooklyn statt.

Kaufen kann man das Buch hier.

Außerdem hat das Buch zwei schöne Blurbs bekommen:

“How to translate the process by which a computer ‘hears’ spoken speech and interprets it into a different language? As what other creaturely forms might Gregor Samsa awaken? These are but a sample of the questions asked by Hannes Bajohr in his new book, Blanks. Collected over ten years, the poems and writing of Blanks demonstrate the breadth of lyricism available to the careful curator of machine-generated/machine-intervened literature. Using a wide variety of machine processes, Bajohr maximizes the discoveries one can make inside other texts—from the canonical Metamorphosis to the more mundane of German literotica and business manuals. More than a book of computer-generated work, this book fascinates the reader through the intimacies of translation—not just from source language to target language, but translation and re-articulation of the composition process, yielding new texts faithful to method if not word-by-word parity. From the sorting and sifting of corpora, from extraction and arrangement, Bajohr’s work excites and beautifies the growing realm of computational poetics.
—Lillian-Yvonne Bertram

“Blanks is a series of poems generated using various pre-existing source texts including some of Bajohr’s own previous work. Each poem concludes by disclosing the various “programs” used to compose it (like Python, search filters, procedures, and algorithms), but some are also additionally edited “manually” and “selectively” (i.e. libidinally) by the poet. This book presents the facility of the poem as a resource for exploring the turbulent, political terrain cleaved open by the dissolution of distinct boundaries between person and machine, writing tool(s) and text, poem and reading tool(s). Written during a historical period that saw haphazardly designed, discriminatory algorithms rapidly and radically redistribute things like labor, global economics and attention itself, Blanks hovers on the moment when invisible tools designed imperfectly reveal themselves to have been operative independent of user agency.”
—Holly Melgard

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Neuer Shklar-Band: Über Ungerechtigkeit

Auf der Buchmesse wurde die von mir überarbeitete deutsche Übersetzung von Judith Shklars Faces of Injustice unter dem Titel Über Ungerechtigkeit. Erkundungen zu einem moralischen Gefühl von Matthes & Seitz vorgestellt. Man kann das Buch hier bestellen.

Aus der Beschreibung:

Was ist Ungerechtigkeit, was Unglück? Die Philosophin Judith Shklar widmet sich in ihrer bahnbrechenden Untersuchung einem unterschätzten politischen Problem.
»Die Unterscheidung zwischen Unglück und Ungerechtigkeit hat oft mit unserer Bereitschaft und unserer Fähigkeit zu tun, im Namen der Opfer zu handeln, anzuklagen oder freizusprechen, zu helfen, wiedergutzumachen – oder uns einfach abzuwenden.«

Judith Shklar zeigt, dass die Unterscheidung von Unglück und Ungerechtigkeit wandelbar ist: Was vor hundert Jahren noch ein Unglück war, etwa eine Hungersnot, ist heute eine Ungerechtigkeit, weil es Mittel gibt, sie zu verhindern. Statt ideale Theorien zu konstruieren, fordert Shklar uns auf, auf die Stimmen der Opfer zu hören. In ihnen artikuliert sich ein Sinn für Ungerechtigkeit, der in den positiven Theorien der Gerechtigkeit keine Berücksichtigung findet. Die Philosophie hat viel zu selten über Ungerechtigkeit nachgedacht und sie, wenn überhaupt, nur im Rückspiegel ihrer Gerechtigkeitstheorien betrachtet. Shklars Erkundungen zu einem moralischen Gefühl ändern das und zeigen, wie folgenreich der Sinn für Ungerechtigkeit für die Gestaltung eines liberalen Staats und das Leben seiner Bürgerinnen und Bürger ist.

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